Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 78-83

Die Macht am Rhein

Von Heinz Peter Schwerfel

In den sechziger Jahren wurde in Köln Fluxus erfunden - Geburtsstunde der rheinischen Kunstszene. Köln und Düsseldorf wurden Taktgeber der Nachkriegsmoderne, mit respektloser Avantgardekunst, einer ruhmreichen Kunstakademie, mutigen Galeristen und der allerersten Messe für zeitgenössische Kunst

SERIE DIE MODERNE Wie Bilder die Welt verändern: Der Kompaktkurs zur Kunst des 20. Jahrhunderts 1960-1970: Die Erfindung von Fluxus, Pop Art und Performance + Reportage Köln

Nichts Neues im Westen. Wirklich nicht? Geschah doch im Spätsommer 2009 am Rhein Ungeheuerliches:

Die legendären Rivalen Köln und Düsseldorf probten den Schulterschluss und luden gemeinsam zur Eröffnung in ihre Galerien. Ein ganzes Wochenende lang flanierte die von der hauptstädtischen Konkurrenz totgesagte rheinische Szene in Düsseldorf rings um die Kunstakademie durch Eiskellerstraße und Mut ter-Ey-Straße oder in Köln vom sogenannten Belgischen Viertel aus in Richtung der Museen Kolumba und Ludwig.

Reines Medienevent oder konzertierte Selbsthilfe in Krisenzeiten? Jedenfalls macht die Kunstszene Rheinland wieder von sich reden, mit frischem Kunstakademierektor in Düsseldorf, wiederauferstandener Art Cologne. Alles scheint wie früher - und ist doch ganz anders. Denn , ab den sechziger Jahren Deutschlands Kreativfestung, die gibt es nicht mehr. Sie war die Frucht einer respektlosen Avantgarde, die auf Verkauf pfiff und stattdessen Rebellion gegen den Mief des Wirtschaftswunders proklamierte. Eine Kunstbewegung des Aufruhrs gegen autoritäre Zeiten einer jungen Demokratie, in denen nicht viel erlaubt und noch weniger gewünscht war. Zum Beispiel Düsseldorf im Jahr 1961: Die Heimatstadt der Künstlergruppe Zero um Heinz Mack und Otto Piene ignoriert diese weitgehend, erlaubt Unruhestifter Joseph Beuys nur mit Zeitvertrag als Lehrkörper und feiert das Informel am liebsten, wenn es aus Paris kommt. Im benachbarten Köln zelebrieren die Museen vor allem die Kölner Meister - von Stefan Lochner bis Ernst Wilhelm Nay und Georg Meistermann.

Doch privat brodelt der Untergrund: Konzertabende mit "neuester" Musik der Amerikaner John Cage oder La Monte Young werden in einer Schulaula organisiert, Künstler wie Arnulf Rainer oder Stefan Wewerka hängen ihre Bilder in Treppenhäuser.

1961 stellt in seiner kurzlebigen Selbsthilfegalerie der Künstler Haro Lauhus die Kollegen Christo und Daniel Spoerri aus, die auf den Spuren des Pioniers Yves Klein aus Paris an den Rhein kamen. Damals war die Kölner Innenstadt so hässlich, dass die Architektur nicht von den Gesichtern der Passanten ablenkte. Und die hatten es in sich.

Denn für Bildstörungen im langweiligen Stadtbild sorgten Querdenker, für die Kunst nicht der Bildung noch der Verschönerung diente. Mögen im Jahr 2009 die Zeiten architektonischen Notstands sogar in Köln vorbei und Nachkriegssünden geglättet sein durch Baumeister wie Renzo Piano, Peter Zumthor oder Oswald Mathias Ungers, so wird das städtische Leben doch geprägt durch eine gegenwartstypische, unverbindliche Gefälligkeit.

Das Lebensgefühl ist komfortbetont, die Passanten sind verwechsel bar.

Urbaner Chic treibt Mieten hoch und Künstler ins Exil - was in den sechziger Jahren die kulturelle Identität ausmachte, ist abgewandert, nach Berlin oder ins Grüne, nach Wuppertal, Hahnwald oder Forsbach.

In Forsbach im Bergischen Land, rund 20 Autominuten von Köln entfernt, wohnt und arbeitet Mary Bauermeister. Den jungen Kölnern mag ihr Name unbekannt sein, doch wurde im Atelier der 75-Jährigen einst Kunstgeschichte geschrieben - als es noch im Stadtzentrum von Köln lag. Dort, in der Lintgasse 28, trafen sich ab 1959 die Musiker des vom WDR finanzierten Studios für elektronische Musik. Karlheinz Stockhausen, David Tudor oder Mauricio Kagel begegneten hier den Grenzgängern aus der bildenden Kunst, darunter Nam June Paik, Wolf Vostell, George Brecht, oder den angereisten Düsseldorfern Heinz Mack und Otto Piene. Konzerte koppelte man mit Ausstellungen und szenischen Lesungen, im Herbst 1961 wurde im Theater am Dom ein frühes Happening uraufgeführt: ein von Bauermeisters späterem Ehemann Karlheinz Stockhausen erdachtes Musiktheater, bestehend aus Sketchen, in denen die Künstlerin als "Aktionsmalerin" auftrat und Autor Stockhausen als "Dirigent". Paik spielte Klavier mit Schnuller im Mund und warf Reis ins Publikum, was viel Presse und einen Bannfluch durch die Stadtväter brachte - Köln erlebte die Geburt der Fluxus-Bewegung.

Als die "Originale" 1964 wieder aufgeführt wurde, geschah dies in New York unter der Regie von Allan Kaprow.

Wenige Jahre zuvor hatte Nam June Paik zusammen mit Wolf Vostell in den Düsseldorfer Kammerspielen "Neo-Dada in der Musik" vorgestellt, Joseph Beuys in der Wuppertaler Galerie Parnass ein Klavier zertrümmert - Fluxus war überall, vor allem aber im Rheinland. Der 1. FC Köln war Meister der neu gegründeten Bundesliga, aus den USA stießen Emmet Williams und George Maciunas zur Fluxus-Bewegung.

Maciunas, sagt Mary Bauermeister heute, habe "den Gedanken an Geld ins Spiel gebracht.

Wir Rheinländer waren Kriegskinder - Geld interessierte uns nicht." Das sollte bald anders werden. 1962 zog aus Essen Junggalerist Rudolf Zwirner nach Köln, ein genialer Kunstpromoter, der Avantgarde und Kunsthandel unter einen Hut brachte. Zwirner hatte in Köln bei der Galerie "Der Spiegel" gelernt, wo Galerist Hein Stünke ähnlich wie die Düsseldorfer Kollegen Alfred Schmela und Jean-Pierre Wilhelm den Handel mit Gegenwartskunst als existenzielle Achterbahnfahrt verstand.

Vor allem aber hatte Zwirner 1959 als Generalsekretär in Kassel Arnold Bodes zweite Documenta betreuen dürfen. Dort hingen die riesigen Formate der wilden Amerikaner Barnett Newman, Jackson Pollock, Willem de Kooning neben dem europäischen Informel - nach New York würde die Nadel des Kunstkompasses Richtung Rheinland ausschlagen.

Rudolf Zwirner erinnert sich, damals vor dem Umzug keine Sekunde gezögert zu haben: "Düsseldorf war näher an Essen, besaß als Trumpfkarte die Akademie und war auch als Handelsplatz sehr stark.

Es gab im Umkreis von Düsseldorf eine ganze Reihe von Sammlern, etwa in Wuppertal und Krefeld, die schneller nach Düsseldorf anreisten als nach Köln. Aber in Köln war die künstlerische Avantgarde." Die in einer Muttererde kultureller Tradition gedieh, welche von den zahlreichen romanischen Kirchen bis zu den der Stadt geschenkten Sammlungen von Wallraf und Haubrich reichte. Köln, so Zwirner, hat "bis heute eine ganz andere kunsthistorische Substanz als die Bank- und Handelsstadt Düsseldorf".

Also zog Zwirner nach Köln. Und stellte dort den Düsseldorfer Joseph Beuys aus, der seine erste Fettecke installierte und zwei Jahre später in der Galerie Schmela dem Hasen die Kunst erklärte. Das nötige Geld allerdings verdiente Zwirner nicht mit deutscher Gegenwart, sondern auf dem Wiederverkaufsmarkt, wo er sich auf Pariser Nachkriegsmoderne von Wols, Jean Fautrier und Jean Dubuffet konzentrierte, und auf die amerikanische Pop Art. Ähnlich wie sein Freund und Konkurrent Schmela, der Beuys in Düsseldorf zeigte, reiste Zwirner ab 1963 jedes Jahr in die USA und brachte von dort Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Robert Rauschenberg an den Rhein, die er New Yorker Galeristen wie Leo Castelli und Ileana Sonnabend vor der Nase weggeschnappt hatte. Pop Art verkaufte er etwa an den Kölner Restaurator und Kunstsammler Wolfgang Hahn, einen wichtigen Sammler amerikanischer Kunst im Rheinland, bis er ab 1968 im Industriellenpaar Peter und Irene Ludwig sehr viel potentere Kunden fand, deren massiver Einstieg in die Gegenwartskunst einen Paradigmenwechsel in der Avantgarde brachte.

Auch am Rhein entdeckte die Kunst jetzt das Geld und das Geld die Kunst, und es begannen die fetten Jahre. Öffentliche Präsentationen der Sammlungen von Hahn und Ludwig fielen fast zeitgleich auf die Gründung des ersten Kunstmarkts "Art Cologne" 1967, für den der damalige Kölner Kulturdezernent Kurt Hackenberg kostenlos den Gürzenich zur Verfügung stellte.

Das lockte Galeristen wie Winfried Reckermann und Hans-Jürgen Müller aus dem Schwabenland. Aus Berlin war Michael Werner gekommen, das Rheinland wurde auf einen Schlag zum wichtigsten Umschlagsort für Zeitgenossen. In Düsseldorf wurde 1967 ein Betonklotz namens Kunsthalle eröffnet, und Konrad Fischer, der 1963 unter seinem Künstlernamen Lueg zusammen mit den Akademiestudenten Gerhard Richter und Sigmar Polke den "Kapitalistischen Realismus" ausgerufen hatte, sorgte in seiner Galerie für Nachschub an amerikanischer Avantgarde und importierte eine zweite Generation mit Bruce Nauman oder Lawrence Weiner.

Aber nicht nur der Kunstbetrieb wandelte sich. Der Aufstieg der rheinischen Szene fiel zusammen mit der studentischen Revolte.

Unvergessen die Bilder, als Hunderte von Studenten in Anzug und Schlips 1968 am Neumarkt die Gleise der Kölner Verkehrs- Betriebe KVB blockierten. Auf Fotos gut zu erkennen ein düsterer Zweckbau, in dem sich Kunstverein und Kunsthalle einrichten sollten. Nicht zufällig residierte in einem Anbau die städtische Volkshochschule - bildende Kunst gehörte im Selbstverständnis der Stadt zum Bildungsauftrag. Wie hatte der visionäre Kulturdezernent Kurt Hackenberg 1967 im Stadtrat erklärt: "Kunst ist zwar nicht alles, aber ich glaube, in Köln ist es doch so, dass ohne Kunst alles nichts ist." Das galt weniger für die stärker mit Politik und modischem Zeitgeist beschäftigte Landeshauptstadt Düsseldorf, wo aber ein Joseph Beuys im Getto der Kunstakademie Rebellen um Jörg Immendorff, Imi Knoebel und Katharina Sieverding aufzog, die tagsüber im Atelier die Malerei politisierten, abstrahierten oder einfach abschafften und abends in der Kneipe "Creamcheese" abhingen. Immendorff probte mit seinen "Lidl"-Aktionen schon 1968 den Aufstand, als Sigmar Polke sein "Schimpftuch" malte. Weltweit einzigartig an der rheinischen Kunstszene war vor allem eines: Junge Kunst gedieh unter der Bierglocke.

Ob Alt in Düsseldorf oder Kölsch in Köln: Akademiestudenten probten im Ratinger Hof, den Imi Knoebels Frau Carmen 1974 übernehmen sollte, als Vorläufer der späteren Punk-Bewegung den Pogo, und in Köln zelebrierten C. O. Paeffgen, Michael Buthe und bald auch Jürgen Klauke und die Studenten der Fachhochschule mit Mascara und lackierten Fingernägeln die aus den USA an den Rhein schwappende "Transformer"- Epoche. Man betrank sich im legendären "Roxy" beim Wirt und Kunstmäzen Horst Leichenich und führte neben Kölsch auch reichlich andere Giftstoffe ein, die dafür sorgten, dass die Szene spontan, aggressiv und immer ein bisschen schmutzig blieb.

Großbürgerliche Sammler, tagsüber Ärzte, Banker oder Makler, erfanden das Kultur- Slumming: Am Rhein wurde Kunst nicht nur gemacht und verkauft, sie wurde gelebt.

Diese unverkennbare Witterung, dieses spezifische Eau de Cologne, das es weder in Paris noch in Mailand oder New York gab, blieb bis in die siebziger Jahre hinein ein rheinisches Markenzeichen der Moderne.

Im Biernebel wurde internationale Kunst zelebriert: Die Filmemacher Birgit und Wilhelm Hein zeigten ab 1968 in ihrer Reihe "XScreen" Undergroundfilme, Wiens Aktionskünstler Otto Muehl durfte 1970 in einer Orgie Tierblut vergießen, dazu stellte der Schweizer Kurator Harald Szeemann im Kunstverein "Happening und Fluxus" aus.

Kunstvereins-Leiter Wulf Herzogenrath schließlich feierte in Köln die Geburtsstunde der Videokunst. Im Gegenzug stürmten die rheinischen Künstler Sigmar Polke, Gerhard Richter und Joseph Beuys die internationalen Kunstmarkt-Hitparaden.

Und heute? Ist Köln noch eine feste Größe der längst global operierenden Kunstszene?

Auf dem Neumarkt werden nicht mehr Gleise blockiert, sondern Zelte für Trödelbasar und Weihnachtsmarkt aufgeschlagen.

Der Kunstverein ist umgezogen, die Kunsthalle hat derzeit noch kein Quartier, im März 2009 hat sich ein weiteres Loch aufgetan und das gesamte Historische Archiv verschluckt, mit unersetzlichen Dokumenten, auch aus dem Besitz von Fluxus-Pionierin Mary Bauermeister. Ist damit auch das Gedächtnis der ehemaligen Macht am Rhein vernichtet?

Einige Kilometer südlich, in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn, bereitet das städtische Kunstmuseum eine Großausstellung vor mit dem pathetischen Titel "Der Westen leuchtet", spätes Echo auf legendäre Ausstellungen wie "Westkunst" und "Von hier aus", die einst vom Rheinland aus Kunstgeschichte schrieben. Doch geht im Westen die Sonne nun mal nicht auf, sondern unter; hinter dem rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Deutz beginnt nicht mehr Sibirien, wie der am Rhein geborene Bundeskanzler Konrad Adenauer vermutete.

Einigkeit mag stark machen, die rheinländischen Ausstellungshäuser von Duisburg bis Bonn setzen zu Recht auf Verbund und Kooperation. Dabei fehlt vor allem eines: eine neue Avantgarde.

Ausstellungen: "Mary Bauermeister", Galerie Schüppenhauer, Köln, bis 31. Oktober, www.galerie-schueppenhauer.de; "Der Westen leuchtet - Kunst in Nordrhein-Westfalen", Kunstmuseum Bonn, 8. Juli 2010 bis 24.

Oktober 2010, www.bonn.de/kunstmuseum; "Welten in der Schachtel. Mary Bauermeister und die experimentelle Kunst der 1960er Jahre", Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, 2. Oktober 2010 bis 16. Januar 2011

FOTOS: DAVID KLAMMER

Bildunterschrift:

Tempel der Moderne von Expressionismus bis Pop Art: das Museum Ludwig mit Werken von Robert Rauschenberg (Hintergrund) und James Rosenquist

Krönung der Köln-Ära:

1986 wurde das Museum Ludwig im Schatten des Kölner Doms eröffnet

Ende der fünfziger Jahre war klar: Nach New York würde die Nadel des Kunstkompasses Richtung Rheinland ausschlagen

Die Art Cologne war 1967 die erste Messe für zeitgenössische Kunst; heute kämpft sie um ihre Stellung

Wirkungsstätte von Beuys, Immendorff, Lüpertz und anderen: die Kunstakademie Düsseldorf

Legendäre Adresse der Nachkriegsavantgarde: die Galerie Konrad Fischer in der Düsseldorfer Platanenstraße

Eine unverkennbare Witterung, ein Eau de Cologne, blieb bis in die Siebziger hinein ein Markenzeichen der rheinischen Moderne