Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 76
Frag das Papageienweibchen!
Von Thomas Wagner
Die Herbstsaison ist eröffnet, in Berlin treffen sich Händler und Sammler auf der Kunstmesse Art Forum. Vorsicht beim Kauf, meint - es könnte sein, dass Ihr Belohnungszentrum Ihnen einen Streich spielt
WAGNERS KOLUMNE
Haben wir uns womöglich von den immer gleichen Mythen des Kunstmarkts einlullen lassen? Der Markt ist der beste Kritiker, der Markt bestimmt, der Markt boomt, der Markt ... der Markt ... der Markt. Rechtzeitig zum Berliner Art Forum ist uns endlich einiges klar geworden, und nun blicken wir mit ganz anderen Augen auf all die Experten, die dort auf der Suche nach den Picassos der Zukunft sind. Die Einsicht kam zugegebenermaßen überraschend, als uns eine unscheinbare Meldung in die Hände fiel. Genauer gesagt zwei. Aber der Reihe nach.
Wie geht ein Sammler beim Einkaufen vor? Ähnlich wie an der Börse, oder? Er füllt sein Portfolio mit diesem und jenem und hofft darauf, dass wenigstens einige seiner Favoriten eine Wertsteigerung erfahren. Etwa so, wie es Sammler gab, die im Jahr 2000 ein Bild von Matthias Weischer für, sagen wir, umgerechnet weniger als 2000 Euro gekauft und es sechs oder sieben Jahre später für 90 000 Euro wieder verkauft haben. Doch nun kommt's: Das hatte mit Kennerschaft gar nichts zu tun.
Aus Südkorea erreichte uns nämlich die Meldung, ein ahnungsloses Tier habe bei einem Börsenspiel Profi-Makler ausgestochen.
Wie der Börseninformationsdienst Paxnet berichtete, erzielte das fünfjährige Papageienweibchen Ddalgi - zu deutsch "Erdbeere" - einen höheren Gewinn als acht von insgesamt zehn Experten. Sechs Wochen hat das Planspiel gedauert, und jeder Teilnehmer hatte eine virtuelle Summe von 60 Millionen Won, umgerechnet etwa 33 600 Euro, zur Verfügung. Während die menschlichen Spekulanten im Schnitt 190 Aktiengeschäfte tätigten, pickte der schlaue Vogel mit dem Schnabel nur sieben Mal Wertpapiere aus einer Liste heraus, die ihm vielversprechend erschienen - und erzielte damit einen Gewinn von 13,7 Prozent. Nur zwei Finanzjongleure waren mit 64,4 Prozent und 21,4 Prozent besser als Ddalgi.
Erstaunlich? Oder hat der Papagei nicht anders gehandelt als weiland Marcel Duchamp, als er drei Mal einen Faden von einem Meter Länge aus einem Meter Höhe herabfallen ließ und aus den verdrehten Fäden einen Maßstab machte, den er einen "Zufall in Konserve" nannte? Leider ist nichts darüber bekannt, nach welchen Kriterien die schlaue Erdbeere ausgewählt hat. Vielleicht aber hatte sie zuvor etwas Süßes gegessen.
Denn nun kommt die zweite Nachricht ins Spiel, und die ist nicht weniger erhellend als Ddalgis Sinn fürs Börsengeschäft. Eine Forschergruppe um Professor Peter Kenning, Inhaber des Lehrstuhls für Marketing an der Zeppelin University in Friedrichshafen, hatte den Verdacht, dass sich das Urteil über Preise durch die Verabreichung von Zuckerwasser beeinflussen lassen könnte. Also machten die Forscher eine empirische Studie. In dieser, so Kenning, "unterstellten wir eine Wirkungskette, die durch die Zugabe von Glukose ausgelöst wird" und "in bestimmten Hirnarealen ihre Wirkung entfaltet". Das funktioniert so: Die Glukose führt zur Produktion von Insulin, das wiederum den Botenstoff Tryptophan in Gang setzt, der im Belohnungszentrum des Gehirns die Ausschüttung des Hormons Serotonin auslöst. So weit die Theorie. Konkret verabreichte man einer Gruppe Wasser mit 80 Gramm gelöster Glukose, was etwa einer Tagesdosis entspricht, einer zweiten reines Wasser und einer dritten gar nichts. Dann legte man den Versuchspersonen verschiedene Waren des täglichen Bedarfs vor und fragte sie: "Beurteilen Sie den Preis des Produktes insgesamt als fair?" Geantwortet wurde mit "Ja" oder "Nein", wobei jeder, der "Nein" sagte, einen eigenen, als fair empfundenen Preis nennen sollte. Welche Überraschung:
Die versüßte Gruppe stimmte dem Preis signifikant öfter zu, und bei den eigenen Preisvorschlägen lag sie durchweg höher als die Vergleichsgruppen.
Ob uns der Genuss von stark gesüßtem Kaffee oder Schokolade nach dem teureren Produkt greifen lässt, darauf wollten sich die Wissenschaftler nicht festlegen. Dabei ist die Sache eindeutig: Das ganze Gefasel vom Markt ist Quatsch und der Kunstmarkt nichts als zuckersüßer Schwindel. Also: Bitte achten Sie beim Art Forum besonders auf Papageien und auf Galeristen, die Schokoriegel oder Zuckerwatte verteilen. Und halten Sie mir Ihr Belohnungszentrum unter Kontrolle! Sonst könnte es teuer werden.
ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art
Bildunterschrift:
Unter dem Einfluss von Glukose stimmten Versuchspersonen einem vorgeschlagenen Preis öfter zu - der Markt als zuckersüßer Schwindel
