Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 118-119
Die Neue Kölner Schule
Von Susanne Altmann
DEBATTE Ost-West-Konflikte, Vetternwirtschaft oder das Ende der figurativen Malerei? Die Schlammschlacht an der Leipziger Kunsthochschule ist vorbei - was bleibt, sind Vorwürfe und Verdächtigungen. Worum es bei dem Streit wirklich geht
Es war der größte Aufruhr an einer deutschen Kunstakademie seit vielen Jahren - die Auseinandersetzungen um die Nachfolge von Neo Rauch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. In einem umstrittenen Berufungsverfahren wurde der Kölner Heribert C. Ottersbach als Malereiprofessor benannt. Ottersbach, der zwar figurativ, aber nach Fotovorlagen arbeitet, wird von vielen Studierenden und Professoren als falsche Besetzung für eine Hochschule gesehen, die sich als Wiege der sogenannten Neuen Leipziger Schule versteht.
Ende August verhärteten sich die Fronten zwischen Rektor Joachim Brohm (der Fotograf ist) und seinen Gegnern drastisch: Offene Briefe kursierten, in denen die despotische Haltung Brohms scharf kritisiert wurde. Nicht nur sei mit Neo Rauchs Wunschkandidaten, dem Belgier Michaël Borremans, eine für Leipzig ideale Koryphäe zugunsten von Ottersbach abgewiesen worden, sondern auch seien bisherige Berufungen im Interesse der westdeutschen Seilschaften des Rektors lanciert worden. Ein Berg schmutziger Wäsche und gekränkter Eitelkeiten, hinter dem das eigentliche Problem fast übersehen wird: Ist das nun das endgültige Aus für die legendäre Leipziger Figuration, die in den letzten zehn Jahren Protagonisten wie Matthias Weischer, Tim Eitel oder Christoph Ruckhäberle hervorgebracht hat? Fakt ist, dass mit Lehrern wie Ingo Meller, Astrid Klein und nun auch mit Ottersbach eher konzeptuelle Positionen den Vorrang haben. Mit dem freiwilligen Abgang von Neo Rauch geht tatsächlich eine Ära der meisterhaften Figuration zu Ende, die früher von Arno Rink oder Sighard Gille getragen wurde.
Der ostdeutschen Kunsttradition entstammend, war sie manchen aus Westdeutschland kommenden Hochschulerneuerern zweifellos ein Dorn im Auge und wurde nur durch den Erfolg ihrer Schlüsselfiguren geschützt. "Wenn man etwas liebt, muss man dafür kämpfen", erklärt Rauchs Vorgänger Rink im Interview und: "Rauch hat die Macht anderen überlassen und regt sich nun fürchterlich auf." Rauch selbst sagt, er habe das Dilemma des Profilverlusts erst im Moment seiner Nachfolgeregelung erkannt: "Ich bin spät erwacht." Lohnt es sich nun, nach dem auch medial hochgeputschten Hochschuldrama, für malereibegeisterte Kunststudenten noch nach Leipzig zu gehen? Der Geist der Leipziger Schule wird wohl so leicht nicht zu vertreiben sein. Nach wie vor gibt es im Grundstudium eine exzellente Anatomie- und Zeichenausbildung, betreut von Experten wie Ingo Garschke und Doris Ziegler. Und mit der Professorin Annette Schröter ist wenigstens einer der vier Malereilehrstühle noch nicht in Kölner Hand. SUSANNE ALTMANN Interviews mit Arno Rink und Heribert C. Ottersbach unter: www.art-magazin.de/hgb
"Wir hatten 15 gute Jahre" "Was in Leipzig passiert ist, war kein plötzliches Trauma, sondern man hat seit langem die Zeichen gesehen. Der Erfolg der jungen Leipziger Malerei hat nur das Bestreben unterbrochen, aus der Schule eine Medienhochschule zu machen. Diese Tendenzen gab es schon vor 15 Jahren. Brohm hat nur weiter darauf hingearbeitet. Was die mangelnde Demokratie von Hochschulprozessen anbelangt, so ist das besorgniserregend, aber nicht verwunderlich.
Ich habe es als Rektor selbst oft so machen müssen - im Hintergrund laufen immer Sachen, die nicht ganz so demokratisch sind, wie es nach außen wirken soll. Gegen die aktuellen Westseilschaften waren unsere Ostseilschaften allerdings der reinste Kindergarten. Wenn ich heute den Fachbereich Malerei anschaue, dann stelle ich mit Erschrecken fest, dass drei von vier Malern aus Köln kommen. Aber wie überall in Geschichte und Tradition gibt es Anfang, Höhepunkt und Niedergang. Wir hatten immerhin etwa 15 gute Jahre."
"Malerei wird nicht entwertet" "Ich habe seit 1994 enge und gute Kontakte nach Leipzig, habe das Geschehen dort stets mit Interesse und kritischer Distanz verfolgt. Als ich zur Bewerbung eingeladen wurde, dachte ich erst mal zehn Tage lang nach. In den Unterlagen stand explizit, dass Figuration mit zeitgenössischem Bezug gewünscht war. Das würde eine schöne Herausforderung sein. Und natürlich werde ich anders unterrichten als mein Vorgänger. Nach außen wirkt Leipzig als Geburtsstätte der Malerei schlechthin, aber es gibt die Leipziger Schule und es gibt die Leipziger Kunsthochschule. Durch eine Berufung wie die meine wird die Malerei ja wohl kaum entwertet. Ein Rückzug kommt für mich nicht in Frage, damit würden ja auch die Experten der Berufungskommission zu Statisten degradiert. Ich werde meine nicht öffentliche Probevorlesung noch einmal für die Studenten halten und sie nach ihren Irritationen befragen. Wenn ich jetzt den Schwanz einziehe, würde ich mir schäbig vorkommen."
Bildunterschrift:
Studentin aus der ehemaligen Meisterklasse von Arno Rink, der bis 2005 an der Leipziger
Hochschule lehrte
Malerstar Neo Rauch
Rektor Joachim Brohm
Heribert C. Ottersbach: "In Erwartung der Ereignisse" von 2004
Alte Leipziger Schule: Arno Rink, Rauchs Vorgänger
Heribert C.
Ottersbach, Nachfolger von Neo Rauch
