Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 112-113
Brav die Vorgaben befolgt
Von
Architektur: Italiener entwirft das Berliner Humboldt-Forum
Franco Stella wird das Humboldt-Forum in Berlin bauen.
Einstimmig entschied sich die Jury für den Entwurf des wenig bekannten italienischen Architekten. Er hielt sich an die umstrittenen Vorgaben, wonach für den Jahrhundert bau drei Barockfassaden sowie die Kuppel des Berliner Stadt schlosses rekonstruiert werden sollen. Das Schloss war 1950 auf Beschluss des DDR-Ministerrats gesprengt worden. art befragte Architekturexperten und Journalisten, wie sie Stellas Entwurf beurteilen (siehe auch Editorial auf Seite 3):
Weitere Infos zur Schlossdebatte: www.art-magazin.de/stadtschloss
Musterbeispiel oder ein Monument der Ängstlichkeit?
Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrums Wien: War es ein Fehler der DDR, die Reste des Stadtschlosses zu demolieren? Aus Sicht der damaligen Ideologie nicht. War es ein Fehler, den Palast der Republik abzureißen? Auf jeden Fall. Eine andauernde Zwischennutzung hätte ein lebendiges Signal gesetzt.
Mit merkwürdigen Argumenten siegte die Rekonstruktion:
"Erst das Ensemble kann eine Vorstellung von dem letztlich fatalen imperialen Auftreten Deutschlands in der Welt vermitteln", bekannte sich selbst Werner Spies in einem Interview dazu. Nicht der einstigen Größe Preußens, seines fatalen Schattens sollte also gedacht werden.
Das bewältigt der Siegerentwurf hervorragend. Es war eine einstimmige Entscheidung der Jury. Damit hat niemand gerechnet, nicht einmal der Sieger Franco Stella aus Vicenza. Noch kennt man ihn nicht, nicht seine Bauten. Man sieht nur, dass er auf hohem Niveau dem italienischen Razionalismo von Aldo Rossi verpflichtet ist. Stellas architektonische Sprache kondensiert die Regeln des Baus, bringt deren Essenz zur Wirkung. Jeder freche Kontrapunkt wäre ein zeitgeistiger Witz geblieben.
Stellas Projekt hat Würde und Gelassenheit, auch magisch erhabene Räume. Ein Musterbeispiel dafür, wie heutige Architektur mit der Geschichte ins Gespräch kommt. Mögen die Nutzungen der Idee folgen.
Hanno Rauterberg, Architekturexperte der Wochenzeitung "Die Zeit": Eines zumindest hat Franco Stella mit seinem Entwurf für den Berliner Schlossplatz erreicht: Selbst die größten Skeptiker des Wiederaufbaus werden plötzlich weich und wünschen sich, man möge doch bitte nicht nur die drei Barockfassaden und die Kuppel rekonstruieren, nein, alles, alle Höfe, alle Renaissance-Türmchen und Mittelaltermauern des Ursprungsbaus sollten wieder auferstehen! Stellas pseudomoderne Zutaten sind von einer derart monströsen Eintönigkeit, sind derart steril und unerbittlich zerrastert, dass noch die letzten Anhänger der Gegenwartsarchitektur gar nicht anders können, als zu Nostalgikern zu konvertieren. Dieser Entwurf huldigt den ausgekühlten Ideen des italienischen Rationalismus, alles soll aufgehen in Stringenz und Logik. Und doch kündet der Bau nur von gedanklicher Enge, und räumlich eng wird er ebenfalls. Allein die Passage, die er von Nord nach Süd durchs Forum ziehen will, ist nichts weiter als ein Korridor, kein Aufenthalts-, sondern ein Durchgangsraum. Und ein gemeinsames Entree, die versprochene Agora, fehlt ebenfalls.
Es gibt keinen Raum, der alle drei künftigen Nutzer verbinden und für die Besucher erschließen würde. Und so ist das Humboldt-Forum in Berlin vor allem ein Monument der Ängstlichkeit. Es flüchtet sich in eine Pseudo-Geschichte; die Gegenwart ist ihm herzlich egal.
Niklas Maak, Feuilleton-Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Erst einmal dachte man ja, da hat ein Italiener den Auftrag gewonnen, das ist schon mal eine gute Nachricht. Die Italiener haben so viele bedeutende Barockbauwerke, dass sie nicht, wie die armen Preußen, ernsthaft glauben müssen, es habe sich beim Berliner Schloss wirklich um einen bedeutenden Bau dieser Epoche gehandelt. Aber dann dieser Entwurf - vorn alt, hinten, als Trost für die Modernisten, ein monumentalisiertes Ikearegal: Der Bauzwitter ist wie die Scherzblätter, auf deren einer Seite "Was auf der anderen Seite steht, ist falsch" und auf der anderen Seite "Was auf der anderen Seite steht, ist richtig" zu lesen ist. Aber was immer man von Fassadendetails halten mag - das wirkliche Problem liegt woanders. Das Humboldt-Forum sollte ein Ort werden, an dem die Welt der mythischen, rätselhaften Dinge so gezeigt wird wie noch nie zuvor.
Dieser ehrgeizige Plan, das geben die Fachleute von den Ethnologischen Sammlungen wie Viola König offen zu, hätte aber eine ganz andere, gewagte, moderne Architektur verlangt. Für die gab es nie einen Wettbewerb - und keine Chance für Architekten unserer Zeit zu zeigen, was möglich wäre. Die Chance, einem neuen Erkenntnis- und Begegnungsort für das 21. Jahrhundert eine Form zu geben, ist vertan, und so droht das Schloss zum gebauten Untoten zu werden, einem Architekturzombie, dessen Rücken zeigt, wie hohl die Front ist.
Philip Ursprung, Professor für Moderne und zeitgenössische Kunst an der Universität Zürich: Die aufregendste Stadt der Welt, ein von historischer Bedeutung getränkter Ort, ein vom Bundestag garantiertes Budget, ein Jahrzehnt theo retischer Debatten - und nun das! Franco Stellas Entwurf folgt gehorsam den Vorgaben und bietet ein Faksimile der Barockfassaden und der Kuppel des Schlosses. Dort, wo Spielraum geherrscht hätte, auf der Spreeseite, steht ein monumentales Treppenhaus, das ins Leere führt. Ein Säulenwald verbaut das Atrium. Und im Schlüterhof enttäuscht der Moment, wo Alt und Neu aufeinanderstoßen. Gewiss, die Bauherrschaft ist komplex, das Programm ist diffus, und die ikonografischen Vorgaben (vorne preußischer Themenpark, hinten Ostalgie) sind unbeholfen. Aber es greift zu kurz, dem Gesetzgeber alleine die Schuld für die Misere in die Schuhe zu schieben. Die West-Berliner Architekten selber versuchen seit dem Fall der Mauer, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Unter dem Banner der "kritischen Rekonstruktion" verdrängen sie die Realität der sozialistischen und der kapitalistischen Urbanisierung und ersetzen sie durch Klischees einer intakten Vorkriegswelt. Die Angst vor dem Lauf der Geschichte und die Angst vor dem offenen Raum - Agoraphobie - prägen das frühere Ost-Berlin.
Den Politikern mag dies gelegen kommen. Aber der Architektur bleibt bald nichts anderes übrig, als das Weite zu suchen.
Bernard Hulsman, Architekturkritiker des niederländischen "NRC Handelsblad": Wenn Architektur eine Kunst ist, dann ist sie eine "konzeptuelle" Kunst. Architektur ist immer ein Entwurf der von anderen, nicht vom Entwerfer selbst ausgeführt wird. Deshalb ist es in der Architektur möglich, einen Entwurf nach dem Tode des Architekten zu bauen oder nach der Zerstörung des Gebäudes wiederauszuführen. Ein zerstörter Rembrandt ist für immer verloren, aber einen abgebrochenen Bau Mies van der Rohes kann man wieder aufbauen. Darum ist es in der Architektur auch möglich, historische Fehler wieder gut zu machen. Der Abriss des Berliner Stadtschlosses war ein historischer Fehler. Dieser Fehler wird jetzt mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses korrigiert. Wenn das Schloss nach dem Kriege nicht abgerissen, sondern in den fünfziger Jahren restauriert worden wäre, hätte es im Laufe der Zeit einige oder sogar viele bauliche Veränderungen erfahren, um Anforderungen des 20. und 21. Jahrhunderts zu erfüllen. Deshalb ist der Siegerentwurf von Franco Stella für den Wiederaufbau des Stadtschlosses mit dem Humboldt-Forum nicht eine exakte Kopie des Schlosses wie es einmal war, sondern er umfasst zahlreiche zeitgenössische modern-klassizistische Elemente und Erweiterungen, die den Bau ein wahrhaftes Gebäude des 21. Jahrhundert sein lassen.
Das neue Stadtschloss/Humboldt-Forum steht nicht für eine Rückkehr in die Geschichte, sondern macht Spuren der Geschichte deutlich.
Bildunterschrift:
Juryvorsitzender Lampugnani (links) und Bundesbauminister Tiefensee (rechts)
Alt trifft Neu: So soll Franco Stellas Schlüterhof einmal aussehen
Simulation des neuen Nord-Süd-Durchganges nach dem Entwurf von Stella
Ansicht aus der Vogelperspektve des kompletten Humboldt-Forums (Modell)
