Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 114

"Es ist viel zu wenig geschehen"

Von Stefan Koldehoff

Provenienzforschung: Museen schöpfen Fördermittel nicht aus

Zehn Jahre nach der Washingtoner Raubkunst-Konferenz, bei der sich neben Deutschland auch 43 weitere Staaten zur Erforschung ihrer Ankäufe in der NS-Zeit verpflichtet haben, stellt die Bundesregierung endlich Geld für diese Aufgabe zur Verfügung:

Eine neue "Arbeitsstelle Provenienzforschung" in Berlin kann jährlich bis zu einer Million Euro verteilen. Bisher hatten sich viele Museen dieser Selbstverpflichtung nämlich mit dem Argument verweigert, sie hätten dafür weder Geld noch Personal. Davon kann nun keine Rede mehr sein. Mit dem Vorsitzenden des Beirats der Arbeitsstelle, Uwe M. Schneede, sprach art-Autor Stefan Koldehoff.

Schneede richtete 2005 als Direktor der Hamburger Kunsthalle bundesweit als erster Museumsleiter eine feste, unbefristete Stelle für Provenienzforschung an seinem Haus ein: art: Welche Bilanz ziehen Sie zehn Jahre nach der "Washingtoner Konferenz" hinsichtlich der Provenienzforschung deutscher Museen? Ist genug geschehen?

Schneede: Es ist in meinen Augen viel zu wenig geschehen. Mit Ausnahme der großen Museen in Berlin, Dresden und München sowie in Hamburg und Köln findet meines Wissens in deutschen Museen kaum eine systematische und kontinuierliche Erforschung der eigenen Bestände im Hinblick auf ihre Geschichte zwischen 1933 und 1945 statt. In manchen Häusern gibt es Ansätze mit Hilfe befristeter Verträge, aber das wird auf die Dauer nicht reichen, die sehr weit gehenden Verpflichtungen einzulösen.

Liegt das allein an fehlendem Geld oder auch an fehlender Bereitschaft?

In den größeren Häusern liegt es nicht am Geld, da lässt sich immer etwas arrangieren, wenn die Museumsleitung die entsprechende Priorität setzt, weil sie die moralische Verantwortung spürt.

Daran scheint es mir vielerorts zu fehlen. Kleinere Museen, Bibliotheken, Archive allerdings haben viel geringere finanzielle Bewegungsräume, deshalb spielt das Geldargument dort eine große Rolle. Aber gerade für solche Fälle hat der Kulturstaatsminister ja die besonderen Mittel zur Verfügung gestellt. Jetzt zeigt sich, wer wirklich bereit ist, etwas zu tun, und wer sich nur aufs mangelnde Geld herausgeredet hat.

Wer kann Geld beantragen und wofür gibt es welches?

Mittel können von öffentlich unterhaltenen Einrichtungen - Museen, Bibliotheken, Archiven - beantragt werden, und zwar so wohl für die Erkundung der Herkunft eines Einzelwerks als auch für die Erforschung ehemaliger Privatsammlungen oder für Recherchen zur Tätigkeit involvierter Kunsthändler.

Warum ist das im Sommer für das Jahr 2008 bereitgestellte Geld bislang noch nicht komplett abgerufen worden?

Das fragen wir uns auch. Ich habe eine Flut von Anträgen erwartet.

Die müssen sich doch angestaut haben! Ich höre gelegentlich die Klage, eine Million Euro sei viel zu wenig, ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber jetzt will erst einmal die eine Million Euro ausgeschöpft sein, dazu können wir noch viele Anträge brauchen.

Es gibt bereits Berichte darüber, dass Museumsdirektoren gebeten wurden, kein Geld in Berlin zu beantragen, damit der Träger nicht ebenfalls Mittel zur Verfügung stellen muss.

Sie meinen, dass sie von ihren Trägern, den Städten oder Ländern, gebremst wurden? Das wäre wirklich übel. Denn den Trägern ist ja von der Bundesregierung die verstärkte Provenienzforschung auferlegt worden, sie gehört also auch zu ihren Pflichten. Tatsächlich müssen die Träger sich substantiell beteiligen, das ist nur recht und billig. Allerdings hat Kulturstaatsminister Neumann keine Marge festgelegt, vielmehr jüngst geäußert, bei größeren Häusern erwarte man eher 50 Prozent des Gesamtaufwands, bei kleineren eher zehn Prozent. Das er gibt einen vernünftigen Spielraum.

Das komplette Interview finden Sie auf: www.art-magazin.de/schneede

Bildunterschrift:

Uwe M.

Schneede vor Max Liebermanns "Abend am Uhlenhorster Fährhaus" (1910)