Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 80-81
Der erste Ikea-Katalog
Von Judith Scholter
Der Maler Carl Larsson (1853 bis 1919) hat den schwedischen Lebensstil verewigt - in seinen Bildern und in seinem Sundborner Haus, das heute zur Kultstätte geworden ist
Mit Aquarellen von seinem Haus in Sundborn hat der Maler Carl Larsson der Welt gezeigt, wie Schweden aussieht.
Weil auch im 21. Jahrhundert das Bild vom roten Häuschen am Wasser das Sinnbild Skandinaviens bleiben soll, beschwört die Leiterin des Larsson-Museums die Geister der Vergangenheit.
Wenn im Atelier des Hausherrn etwas nicht stimmt, versteht Marianne Nilsson keinen Spaß.
"Das ist jetzt wirklich zu viel", sagt sie, durchmisst den Raum mit schnellen Schritten und bleibt vor einem Tisch stehen. Marianne Nilsson nimmt die Blumen vom Deckchen und dreht es um 180 Grad. Eine rote Stickerei taucht auf, wo vorher alles in Schwarz gehalten war. "Alles soll so bleiben, wie es bei Karins Tod war", sagt sie.
Marianne Nilsson ist Leiterin im Haus des Malers Carl Larsson, der 1919 gestorben und dessen Haus 1946 von den Erben in eine Stiftung verwandelt wurden ist. Seitdem ist das Gebäude in Sundborn, rund drei Autostunden nordwestlich von Stockholm, ein Museum in Familienbesitz. Nilsson wacht über die Kulisse aus der Vergangenheit und findet große Worte: "Ich glaube, die Schweden verlieren ihr kulturelles Erbe", sagt sie. Carl Larssons Frau Karin hat noch bis 1928 gelebt, seitdem hat sich hier nichts mehr verändert - und normalerweise kamen die Menschen in noch größerer Zahl als heute, um sich an diesem Ort im Original anzuschauen, was sie für typisch schwedisch halten: Das Blumenfenster, vor dem Larsson seine Tochter Suzanne malte, und die "Ruheecke", die der Künstler als Interieur mit einem schlafenden Hund verewigte.
Es sind Bilder, die zum Ideal des schwedischen Lebensstils wurden. In einer Zeit, in der auch in Schweden die Industrialisierung an Fahrt gewann, predigte Larsson das ungezwungene Familienleben fernab der großen Städte, seine Frau Karin webte helle Gardinen statt dunkler Vorhänge. Sie entwarf auch eine eigene Tracht für das Örtchen Sundborn - vor ihrer Zeit trug man die gleiche wie im Nachbardorf.
Rückbesinnung auf die Traditionen lautete die Devise im Zeitalter des Nationalismus - die ehemalige nordische Großmacht Schweden musste Norwegen 1905 in die Unabhängigkeit entlassen und wurde somit in ihrem Wirkungsbereich zurechtgestutzt.
Schweden benötigte um die Jahrhundertwende dringend eine Idee davon, was es eigentlich sein sollte. Da kamen die Larssons gerade recht. Über 20 Jahre bauten sie ihr Künstlerhaus immer wieder um, bemalten alte Möbel in neuen Farben und schufen so ein Bild vom modernen Schweden.
Doch wo die Welt seit 80 Jahren still steht, stimmt irgendetwas nicht mehr. Im Jahr 2007 hatten sich nur 43 000 Menschen die von Karin Larsson entworfenen Kissenbezüge und Tischdecken angeschaut und den "Sündenschrank", den Ort für Schnaps und Zigaretten in Sundborn. Mindestens 50 000 Besucher müssten es sein, damit das Haus sich trägt. "Wir bekommen nichts vom Staat oder der Kommune" - Marianne Nilsson wird richtig laut. Sie ist 1991 von der Familienstiftung zur Leiterin des Hauses gemacht worden, im kommenden Jahr geht sie in Pension. Damit sich auch in Zukunft nichts ändert in Sundborn, muss sie das typisch Schwedische dringend noch einmal neu erfinden. "Carl und Karins Werk so zu bewahren wie 1928, das ist meine Aufgabe", sagt sie.
Die Idee, wie das funktionieren könnte, stammt von einem der 229 Mitglieder der Familienstiftung. Keine zwei Minuten zu Fuß vom Larsson- Haus gibt es eine alte Mühle, seit Jahren befindet sich darin eine Galerie. Als sie zum Verkauf stand, zögerte die Larsson- Stiftung nicht lange. Denn 2009 steht Karins 150. Geburtstag an, und Marianne Nilsson wollte in der Mühle eine Geburtstagsausstellung organisieren.
"Das ist ja noch so lange hin", hieß es aus der Stiftung, "da machen wir doch vorher was." Ein besonders aktives Familienmitglied rief beim Chef des Röhsska museet, dem Design-Museum in Göteborg, an und bekam einen Termin zum gemeinsamen Essen. "Ganz heiße Namen sind das, die wir da an Land gezogen haben", sagt Marianne Nilsson.
Ihre Augen funkeln hinter der Brille.
"Sundborn goes extreme - again", heißt die Ausstellung in der "Mühle", der Konsthallen Kvarnen in Sundborn:
14 größtenteils junge schwedische Designer und Designerteams schicken Stücke. "Wir wissen ja nicht, was in 100 Jahren als typisch schwedisch gilt, es könnte eine der Arbeiten sein, die wir zeigen." Typisch schwedisch ist wohl eine Lampe auf dem Kopf eines schwarzen Kunststoffpferds. Die kommt von den vier Frauen von "Front", dem Stockholmer Designquartett. Oder das beleuchtete Kunststoffgehirn von Alexander Lervik, Sinnbild für den schwe dischen Geist? Auch eine Variante: das Skateboard von Mattias Norström mit landestypischem Blumenmuster - die Verbindung von Lifestyle und Folklore.
Alle zehn Minuten kann Marianne Nilsson eine Führung organisieren, insgesamt 80 Leute pro Jahr vom Gärtner bis zur Weberin arbeiten am Larsson- Mythos mit. Auch die Tankstelle und die Pizzeria im Ort gibt es nur wegen des Malers, davon sind sie hier überzeugt. Die Mitarbeiterinnen tragen weite Kittel, wahlweise blauweiß oder rotweiß gestreift - so sah die Mode aus, die Karin Larsson für sich und ihre Kinder entwarf. Und die Mühle erweist sich schon jetzt als Erfolg:
2008 kamen 5000 Besucher mehr als im Vorjahr. Über ihre Breitenwirkung wissen sie in Sundborn Bescheid - schließlich lebe ja Ikea von der Schwärmerei für den Norden: "Und was ist das Sinnbild des Schwedischen, wenn nicht das hier? Aber von Ikea bekommen wir keinen Pfennig!" Tatsächlich hatte das Unternehmen mal ein Sofa mit dem Namen "Sundborn" im Sortiment, und immer wieder stellt es für seine Kataloge Szenen nach, die Carl Larsson schon vor 100 Jahren gemalt hat.
"Wir wissen, dass sie bei Ikea ihren Angestellten beibringen, es den Gästen so angenehm zu machen wie bei Carl und Karin", sagt Marianne Nilsson.
Wenn die Kuratorin von den Larssons spricht, klingt es, als wären die beiden nur kurz zur Tür hinausgegangen.
Bildunterschrift:
In Zeiten der Industrialisierung predigte Larsson das ungezwungene Familienleben fernab der großen Städte
Links: der Eingang des ehemaligen Wohnhauses von Carl Larsson in Sundborn, rechts: Marianne Nilsson, die Leiterin des Museums
Bild und Wirklichkeit: Das Wohnzimmer des Hauses hielt Larsson in dem Aquarell "Blumenfenster" (1894/99, 32 x 43 cm) fest
Hommage an Larsson: das Sofa "Sundborn", bis 2002 im Ikea-Sortiment
