Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 78
Beuys ist kein ewiger Hitlerjunge!
Von Thomas Wagner
Dass ein angesehener Kunsthistoriker Joseph Beuys aufgrund seiner Biografie in die rechte Ecke drängen will, ärgert . Sein Werk widerlegt die absurden Thesen
Joseph Beuys, der Schamane mit dem Filzhut, der Dauerdiskutierer und Kunsterweiterer - nichts als ein "ewiger Hitlerjunge" und ein "Wiedergänger der dreißiger Jahre"? Das behauptet zumindest der Kunsthistoriker Beat Wyss in bewusst polemischer Absicht in einem Essay in der Zeitschrift "Monopol". Muss man sich nun aufregen? Soll Beuys, der Plastiker und Christus- Darsteller, der ewige Schelm und politische Künstler, ideologisch aussortiert und in die rechte Ecke der Unverbesserlichen gestellt werden? Oder handelt es sich nur um einen kalkulierten Sturm im akademischen Wasserglas?
Es wäre ein Leichtes, mit Hilfe originaler Beuysscher Sätze Spott auszugießen über dem besserwisserischen Gestus aus Halbwahrheiten und Behauptungen, mit deren Hilfe Wyss glaubt, abermals Hand an einen Künstler legen zu müssen, der schon zu Lebzeiten nicht ins Bild passte und der aufgrund seiner zuweilen penetranten Selbstdeutungen und der eigenwilligen Begriffe, die er dazu verwendete, der Kunstgeschichte bis heute Probleme bereitet.
Doch weder die Vorwürfe sind neu, noch die Bücher, aus denen Wyss sie herbeizitiert. Wichtiger ist etwas anderes.
Es betrifft den Stil und die Art, mit der ein renommierter Kunstwissenschaftler hier vorgeht.
Dass Wyss polemisch und überspitzt agiert, um überdeutlich hervortreten zu lassen, was er sagen will, lässt sich hinnehmen. Dass er nicht in der Sache argumentiert, Fakten ignoriert und nicht Thesen diskutiert, sondern vorgefertigte Urteile vollstreckt, hingegen nicht. Nehmen wir das Beispiel von Beuys' Kleidung - also Jeans, weißes Hemd, Anglerweste und Filzhut. Im Gestus eines Psychoanalytikers und ohne zu erwähnen, dass es sich bei der Weste um ein selbst genähtes Stück handelte, macht Wyss daraus Militärisches: "Beuys' Kleidung ist das paradoxe Unikat einer Uniform, er erscheint als der letzte Überlebende einer aufgeriebenen Armee." Oder nehmen wir die Geschichte mit den Krimtartaren, die Beuys nach seinem Absturz mittels Fett und Filz gerettet haben sollen. Sie stimmt nicht? Alles Märchen? Ja, das mag auf der Ebene bloßer Fakten so sein. Nur, sollte sich ein Kunstwissenschaftler nicht auskennen in den Spielarten der "Legende vom Künstler", die keineswegs erst seit Beuys mit wiederkehrenden Mustern operiert? Vielleicht war Beuys einfach zu originell und hat unseren eifrigen Wissenschaftler überfordert, als er seinen "Lebenslauf - Werklauf" verfasste, der ganz offen äußere und innere Ereignisse, Fakten und Metaphern, Dichtung und Wahrheit mischt.
Es war einmal das Hauptmerkmal der Wissenschaft, das Kurze und Bündige eines ideologischen Fanatismus am langen Arm der Differenzierung auszuhungern und gegen das vorschnelle Urteilen den Prozess präzisen Denkens zu setzen. Wyss indes verfährt umgekehrt. Er untersucht nicht die Werke, sondern hält sich allein an die Biografie, um die angeblich unbewussten Motive des Künstlers aufzudecken und deren ideologischen Grund freizulegen.
Eine solche Fixierung ist absurd, reduziert sie die Werke doch auf bloße Requisiten eines theatralischen Lebens. So steht der Richtspruch am Anfang, und seine oberflächliche Begründung wird - tiefenpsychologisch aufgepeppt - nachgeschoben. Fest steht: "Im Künstlerhabitus verinnerlichte Beuys Ideen und Symbole, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekommen hatte." Danach ist pauschal von der "antiautoritären NS-Jugendpolitik" und von der Jugend die Rede.
So wird der unabhängige Geist Joseph Beuys', der sich mit Auschwitz, Schmutz, Fett und Schmerz beschäftigt und bedrückende Installationen wie "Zeige deine Wunde" geschaffen hat, ein ums andere Mal in die Geschichte der Täter zurückgedrängt. Entschieden wird dabei abstrakt und nach zweifelhafter Aktenlage - nicht anhand einer lebendigen Auseinandersetzung mit den Werken, die um die Sache ringt. Kein Wort zu Beuys, dem christlichen Bildhauer, keines zu seiner Theorie der Plastik, keines zum sozialen Kern seines erweiterten Kunstbegriffs, keines dazu, dass Beuys aus der Zeit des Nationalsozialismus überkommene Vorurteile gegenüber der modernen Kunst wieder hörbar gemacht und sich gegen technische Rationalität und wachsende soziale Kälte gewandt hat, stört diese abstruse Abrechnung. Statt sich zu einer Aktion mit dem Titel "Wie man dem toten Beuys sein Leben erklärt" aufzuschwingen, wäre der Kunsthistoriker besser Angeln gegangen. Das beruhigt.
Bildunterschrift:
So wird Beuys' unabhängiger Geist, der sich mit Auschwitz, Schmutz, Fett und Schmerz beschäftigt, in die Geschichte der Täter zurückgedrängt
