Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 72-77

Alarm im Wunderland

Von Birgit Sonna

Wie die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster Museen und Biennalen in poetisch beklemmende Erlebnisräume verwandelt

Wie könnte eine "Alice im Wunderland" des 21.

Jahrhunderts ausse hen?

Eine den Kinderschuhen entwachsene und doch für Parallelwelten offene Alice, die kulturelles Wissen aufgesaugt hat und sich niemals in ein nur trügerisches Fantasy-Reich locken lassen würde. Dominique Gonzalez- Foerster kommt dem Bild einer gereiften Alice schon ziemlich nahe. Weniger, weil die französische Künstlerin trotz ihrer 43 Jahre eine mädchenhafte Leichtigkeit bewahrt hat. Vielmehr besitzt sie eine blühende Vorstellungskraft, wie sich bestehende Räume für sagenhafte Geschichten aufrüsten lassen.

Die Cineastin und Literaturbegeisterte übersetzt unter anderem aus dem Kino bekannte Effekte in Ausstellungssituationen, beamt Besucher dadurch leibhaftig in eine Art Filmset.

Mal schrumpft Gonzalez-Foerster, wie 2007 bei den Skulptur-Projekten in Münster, die Arbeiten von Kollegen auf Modellformat, dann wiederum bläht sie Plastiken zu grotesker Monumentalität auf, wie derzeit in der Turbinenhalle der Tate Modern in London.

"Sicher ist dieses Unter- und Überdimensionieren ein Trick, den ich aus ‚Alice im Wunderland' entliehen habe", gibt sie unumwunden zu. "Im Rahmen einer Ausstellung wie in der Tate Modern konnte ich dadurch in Verbindung zu dem extremen Maßstab des Gebäudes so etwas wie eine Fiktion herstellen.

Aber natürlich geht es um mehr, die Arbeit bezieht sich auf die urbane Kultur, eine Zeitschiene von 100 Jahren und unser kollektives Gedächtnis." Dominique Gonzalez-Foerster wagt mit ihrer Installation "TH.2058" den drastischen Sprung in ein düsterfeuchtes Zukunftsszenario von 2058:

In ein nach Monaten des Dauerregens von Wasser überspültes London als Resultat der Klimakatastrophe. Der imaginierte Thrill: Wer sich aus dem Sumpf noch retten kann, findet theoretisch in dem ehemaligen Elektrizitätswerk Zuflucht.

200 metallene Etagen betten in Blau und Gelb stehen dort Spalier.

Anlässlich der neunten Folge der "Unilever Series" in der Turbinenhalle spielt Dominique Gonzalez-Foerster mit ihrem multimedialen Eingriff sozusagen Kassandra. Durfte man bei Olafur Eliasson als Post-Ibiza-Jünger 2003 noch unter einer künstlichen Sonne meditieren oder bereitete Carsten Höller 2006 mit seiner Riesenrutsche Vergnügungsparkfreuden, so lässt einen diese Installation gerade in finanzkrisenerschütterten Zeiten hart am Boden letzter geplatzter Utopie blasen landen. Durch einen in rote und grüne Streifen zerteilten Plastikvorhang betritt man den einem Bunker vergleichbaren Schutzraum, auf dessen Dach der Regen unüberhörbar zu prasseln scheint. Ein Text am Eingang führt als Epilog in das Sintflut-Geschehen ein:

"Die anhaltende Bewässerung hatte auf die Skulpturen im öffentlichen Raum einen seltsamen Einfluss. Sie begannen gleich gigantischen tropischen Pflanzen zu wachsen und wurden damit noch monumentaler." Wie in dem Jurassic-Park zu einer untergegangenen Zivilisation hat Dominique Gonzalez-Foerster bekannte Großplastiken des 20. Jahrhunderts versammelt: aufgeblähte Repliken von Louise Bourgeois' Spinne "Maman" (1999), Alexander Calders "Flamingo" (1973), Henry Moores "Sheep Piece" (1971/72) und als einziges Original das von Maurizio Cattelan vergrößerte Katzengerippe "Felix" von 2001.

"Ich bin total fasziniert!", jubelt die 1965 in Straßburg als Tochter eines Spaniers und einer Deutschen geborene Künstlerin. "Genauso wie man Leute am Strand oder im Park beobachtet, sehe ich den Leuten interessiert zu, wie sie hier mit dem vorgeblichen Schutzraum umgehen. Die beste Zeit in einer Installation ist für mich, wenn ich aus einer Arbeit Erfahrungen für die nächste sammeln kann." Und so registriert Gonzalez-Foerster aufmerksam, ob die Besucher ihr Angebot annehmen und tatsächlich auf den harten Metallpritschen länger als fünf Minuten verharren, um in darauf ausgelegten Romanen wie "Hiroshima mon amour" von Marguerite Duras oder H. G. Wells "Krieg der Welten" zu schmökern. Zur Zerstreuung laufen zudem auf einer Großleinwand unter dem Titel "The Last Film" effektvoll aneinander geschnittene Szenen aus Science-Fiction- Filmen. Doch als apokalyptisch möchte die Künstlerin diese Installation nicht verstanden wissen. "Sie hat eine chaotische Macht und berührt da durch.

Ich wollte eher ein Arche-Noah-Gefühl schaffen. Es geht darum, wie man wichtige kulturelle Dinge für das kollektive Gedächtnis sichern kann. Schließlich leben wir in einem kollabierenden System, das vermutlich durch ein anderes ersetzt wird." Sound, Licht und Film sind die drei Hauptkomponenten, mit denen Dominique Gonzalez-Foerster bislang ihre nur mit wenig Mobiliar bestückten Denkräume ausstaffierte. "Chambres" nennt sie die atmosphärisch aufgeladenen Raumensembles, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit auf diffuse Weise durchdringen. Als eine Art Theater, aus dem die Schauspieler entschwunden sind, verdichten sich die begehbaren Räume, entleert von jedem Schnickschnack, zu einer schwerelosen, oft auch melancholischen Hommage an Figuren aus Literatur, Film oder Kunst. Es ist, als würde man gerade erst in einem halbwegs vertrauten Ambiente erwachen und hätte vergessen, wie man da hingeraten sei.

Auf den Einwand, dass man sie mit einer Innenarchitektin verwechseln könnte, reagiert Gonzalez-Foerster gelassen: "Der Begriff gefällt mir, allerdings bin ich keine Dekorateurin. Es geht mir nicht darum, Räume schöner zu machen, ich bin an deren Struktur interessiert. Ich frage immer, was ist bedeutsam, wirklich notwendig in einem Raum, um eine Geschichte zu erzählen." Tatächlich hat sie aber auch den Pariser sowie den Londoner Store des Modelabels Balenciaga zusammen mit dessen Designer Nicolas Ghesquière ausgestattet. Eine kongeniales Duo, unter dem seit 2002 die Balenciaga-Boutiquen zu einer ästhetisch exklusiven Landschaft wurden, deren futuristische Elemente einem natürlich changierenden Licht, entsprechend der Jahresund Tageszeiten, unterworfen sind.

Manchmal wird Gonzalez-Foerster zum Vorwurf gemacht, dass man ja all die Zitate kennen müsse, um ihre Raumentwürfe, auch "Environments" genannt, zu verstehen. So etwa die Vorbilder zu der vielteiligen Arbeit für die Skulptur-Projekte in Münster, wo sie Arbeiten der vorangegangenen Schauen auf ein Viertel ihrer Größe eindampfte und spielerisch zu einem Skulpturenpark arrangierte. Gonzalez- Foerster pocht allerdings nicht auf den Effekt des Wiedererkennens: "Man kann die Dinge und Räume einfach auf sich wirken lassen. Es war in Münster schön, drei Jahre alte Kinder zu sehen, die zwischen den Skulpturen einfach ihren Spielplatz fanden. Genauso schön war es, sich mit vielleicht Siebzigjährigen zu unterhalten. Bei älteren Bürgern fand wirklich ein Theater der Erinnerung statt, weil sie die Möglichkeit hatten, ihre persönlichen Verbindungen zu dem 30 Jahre umfassenden Skulpturen-Projekt wieder herzustellen." Gonzalez-Foerster bezeichnet ihre Form des Samplens als "redaktionelle Tätigkeit" und beruft sich auf Schriftsteller wie Jorge Luis Borges oder Künstler wie Marcel Broodthaers oder Marcel Duchamp: "Sie zeigten bereits einen Weg des Zitierens, der Collage, der Möglichkeitsformen auf.

Ich denke, jede Arbeit eines Künstlers hat damit zu tun, zwischen Vorangegangenem und Zukünftigem zu springen." Und so leiht sie sich auch ihre Charaktere, wie etwa die Comicfigur "Ann Lee" aus dem Projekt "No Ghost, just a Shell", bei dem sie nicht zum ersten Mal mit den Künstlern Philippe Parreno und Pierre Huyghe zusammenarbeitete.

Die beiden Kollegen hatten 1999 die Rechte an einer japanischen Mangafigur gekauft, um gemeinsam mit Künstlerkollegen die leere Hülle von "Ann Lee" mit biografischen und Charakterzügen auszumalen. Kreiert wurde eine multiple Persönlichkeit, die traurig vor sich hin sinniert, weil sie keinen Platz in der großen Welt findet. Gonzalez-Foerster ist immer noch überrascht über die heftige Reaktion auf das Video: "Nie habe ich mehr E-Mails bekommen. Obwohl es nur eine Fiktion war, nahmen die Leute ,Ann Lee' und ihre Verzweiflung sehr ernst." Bonjour tristesse! Nicht von ungefähr regnet es in vielen von Gonzalez- Foersters Filmen: "Vielleicht ist das Bild etwas poetisch, aber es sind für mich die Tränen des Himmels. Ja, ich bin vom Regen wie besessen. Er hat auch etwas Befreiendes." Sie meint da mit vor allem den tropischen Regen. Den Sommer und den Winter verbringt Dominique Gonzalez-Foerster meist in Rio de Janeiro, ihrem zweiten Lebensmittelpunkt nach Paris. Der Park, die Stadt, das Camp, das Apartment, der Flughafen, das Kosmodrom - Dominique Gonzalez-Foerster arbeitet sich an architektonischen Typologien des Behaustseins und Reisens ab. Sie wirft einen analytischen Blick darauf, wie wir uns in diesen Architekturen auch im übertragenen Sinne einrichten, um dem bekannten Repertoire eine kuriose Wendung zu verleihen. Daniel Birnbaum, Kurator der Internationalen Kunstausstellung der diesjährigen Venedig- Biennale, hat vor nicht allzu langer Zeit eine Eloge auf die Künstlerin verfasst: "Sie schafft es, die Räume mit verlockenden Formen von Nichts zu erfüllen. Dominique Gonzalez-Foerster ist die weltweit überragendste Ausstellungsmacherin." Folgerichtig lud Birnbaum sie jetzt auch nach Venedig ein. Vielleicht sind bis dahin die Londoner Regenschauer verebbt und die wirtschaftlichen Hiobsbotschaften verstummt.

Dann befinden wir uns vermutlich nicht mehr im Wartezustand und dürfen statt Leseratte im Schutzbunker zu spielen wieder im Park herumwandern und Alice beim Kulissenschieben zusehen. Aber nur vielleicht.

Ausstellungen: The Unilever Series: "TH.2058", Tate Modern, London, bis 13. April; "Theanyspacewhatever", mit Maurizio Cattelan, Pierre Huyghe u. a., Guggenheim Museum, New York, bis 7. Januar.

Kataloge: Tate, 14,99 Pfund; Guggenheim, 39,95 Dollar. Internet: www.tate.org.uk/modern/unilever series/, www.guggenheim.org Galerie: Esther- Schipper-Galerie, Berlin; www.estherschipper.com Literatur: Dominique Gonzalez-Foerster:

"Nocturama", Actar, Barcelona 2008; Dominique Gonzalez-Foerster (u. a.), Parkett Nr. 80, Parkett- Verlag, Zürich 2007; Dominique Gonzalez-Foerster:

"88:88", Krefelder Kunstmuseen, 1998

Bildunterschrift:

Dominique Gonzalez- Foersters Installation "TH.

2058" in der Turbinenhalle der Tate Modern in London.

Ganz vorn die aufgeblähte Version einer Spinne von Louise Bourgeois, dahinter Skulpturen nach Alexander Calder und Henry Moore sowie Maurizio Cattelans vergrößertes Katzenskelett "Felix" (Foto: Elke Bock)

In Gonzalez-Foersters Welt beginnen Skulpturen im Regen zu wachsen

Alice im Katastrophenland: die aktuelle Tate-Installation von Dominique Gonzalez-Foerster simuliert London nach dem Klimakollaps

Aufgeladene Environments:

Im Pariser Musée d' Art moderne zeigte Gonzalez-Foerster 1996 "Une Chambre en Ville" mit wechselnden Lichtstimmungen (ganz links); bei den "Skulptur Projekten" in Münster 2007 "Münster-Roman", eine Auswahl geschrumpfter Skulpturen von vorangegangenen Ausstellungen (links)

Seit 2002 gestaltet Gonzalez- Foerster auch die Boutiquen des französischen Modelabels Balenciaga; rechts: der Shop in Los Angeles (2007), ganz rechts:

Stills aus ihrem 35-Millimeter- Film "Riyo" (1999, 10 Minuten)

"Park - Ein Fluchtplan" (2002), eine Installation mit Videoprojektion im Betonpavillon, Rosenbusch und Steinen auf der Documenta 11

"Ich bin keine Dekorateurin, ich bin an der Struktur von Räumen interessiert"