Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 52-53

Künstler stellen das System in Frage

Von Roger M. Buergel

Wird die Finanzkrise nun auch zu einer Krise der Kunst? , Leiter der Documenta 12, entdeckt in seinem Essay Parallelen zur Situation in Russland um 1916

Die Zeit der Kunst ist nicht unbedingt die Zeit des Lebens. Was hier eine Krise heißt, hinterlässt dort vielleicht nicht einmal Kratzer. Umgekehrt kennt das Reich des Ästhetischen dramatische Untiefen, die einem den Atem rauben, aber das Leben selbst geht seinen geordneten Gang. Viel zu lange schon starrt die Kunstszene auf das Treiben am Markt. Das ist durch aus verständlich, doch auch ein Zeichen von Mutlosigkeit.

Unter den Hieben wie den subtilen Unterströmungen der Globalisierung hat sich der westliche Kanon aufgelöst, und wie bei allen Auflösungsprozessen entstehen zugleich Freiheiten und Ängste. Es sind vor allem die Ängste, die den Mechanismus des Marktes in die Rolle drängen zu entscheiden, was kanonisch ist und was nicht - als ob der das je gekonnt hätte.

Im November 2008, kurz nach der Pleite der Lehman Brothers, taucht bei Sotheby's in New York ein Malewitsch aus der Hochphase des Suprematismus auf. Das kristalline Bild wurde 1916 im kriegs- und bürgerkriegsgeschüttelten Russland gemalt. In einem betont unsentimentalen, fast harten Farbauftrag, der an Bauernmalerei gemahnt, fügt es geometrische Formen zu einer riskanten Komposition: einen schwarzen Querbalken, darüber ein leuchtend blaues Quadrat, das in die Diagonale gekippt ist und von einer Phalanx bunter Balken flankiert wird. Es knistert im Saal, die Spannung ist groß, doch nicht allein wegen des Malewitschs und der enormen Energie, die das Bild ausstrahlt.

Die Kunstwelt starrt auf diese Auktion wie das Kaninchen auf die Schlange: Beißt die Krise jetzt zu? Doch wie gehabt, schnellen die Zahlen nach oben und lösen jenen Rausch und Schwindel aus, der die Geldsummen ebenso abstrakt erscheinen lässt wie die Formen auf dem Bild.

Tatsächlich ist der Malewitsch so wenig abstrakt wie die Zuschlagssumme von 60 Millionen Dollar oder auch die Milliarden, die bei der amerikanischen Bank Lehman Brothers vernichtet wurden. Russland 1916 ist ein Land im freien Fall. Die großen Symbolsysteme "Vaterland" und "Religion" zerfallen. Moskau und St. Petersburg, die Metropolen, sind nahezu entvölkert. Die hungrigen Massen zieht es aufs Land, die zivile Infrastruktur ist zusammengebrochen.

Geld ist nichts wert, und die Fabriken stehen leer. Lenin ist eben aus dem Schweizer Exil zurückgekehrt, um mit begnadetem Organisationstalent, eisernem Kalkül und militärischer Gewalt das Heft in die Hand zu nehmen.

Dieses Heft Lenins dürfte ähnlich ausgesehen haben wie unsere suprematistische Komposition: große Blöcke, dynamische Komposition, harte Materialität. Tatsächlich zogen künstlerische und politische Avantgarde in dieser Sternstunde der Moderne an einem Strang. Zumindest konnten sich Malewitsch und sein Künstlerkollektiv UNOVIS so etwas imaginieren: den Schulterschluss aller Kräfte im Land, die eine radikal neue Grundlegung der Gesellschaft und, damit verbunden, ein neues Symbolsystem mit einer neuen Sprache und neuen Werten anstrebte. Es ging um nichts weniger als um eine neue Mythologie.

Je länger ich auf das Foto starre, das den entscheidenden Moment, also die Bieterperformance, fixiert, desto bizarrer erscheint mir der Kontrast der beiden Bildhälften.

Links auf der Staffelei, wie eine Epiphanie, der leuchtende Malewitsch. Rechts der Auktionator, der wie ein Magier die Bieterspirale in Bewegung gesetzt. Ist es nur meiner wilden Fantasie geschuldet, dass ich in der Gestalt des Auktionators Wladimir Iljitsch Lenin wiederzuerkennen meine? Keine Frage, Tobias Meyer, der Contemporary-Art- Chef von Sotheby's, sieht um einiges aufgeräumter aus als der grimmige Revolutionär von gestern. Wenn überhaupt, dann wäre er ein postmoderner Lenin. Auch ist meine Assoziation weniger dem Individuum als vielmehr der Pose geschuldet: Lenin in Aktion auf der Rednertribüne, wie er auf zahllosen Gemälden und Fotos festgehalten wurde. Gewiss, der Auktionator verkündet kein politisches Programm, sondern Zahlen. Doch auch Lenin hat ständig über Zahlen gesprochen, und ob sich hinter Rekordsummen kein politisches Programm verbirgt, wäre noch zu diskutieren. Propaganda ist das eine wie das andere. Und damit lasse ich den Vergleich auch schon wieder, schließlich ist Tobias Meyer ein reizender Mensch.

Zum Phantasma des Geldes ist alles gesagt. Malewitsch, Schöpfer eines eigenen Symbolsystems, hätte als Erster begriffen, wie wahnsinnig, aber auch wie unerhört reizvoll die Gleichsetzung einer puren Abstraktion, wie Geld, mit Wahrheit ist. Die Krise des Zeichens - und Zeichen sind auch die Papierscheinchen, die wir zur Bank tragen, oder die goldenen Plastikkarten - war sein ureigenstes Metier. Im Unterschied aber zu den markthörigen Laborratten, die auf den nächsten Stromstoß von Sotheby's warten, blieb er sich der Willkür oder auch Absurdität seines Symbolsystems vollkommen bewusst. Aus diesem Grund kann das Gemälde von 1916 im Kontext der Auktion triumphieren: als Bild nämlich, und nicht als bloße Trophäe.

Wenn die aktuelle Krise ein Gutes hat, dann vielleicht, dass sie uns einen ähnlich strengen, dabei amüsierten Blick auf unsere eigenen Symbolsysteme aufnötigt. Der Zauber des Geldes ist fürs Erste verpufft. Die Rekordsummen, die in Abu Dhabi und andere Spielplätze der Reichen gesteckt werden, beginnen schal zu schmecken. Diese Orte wirken entweder pharaonisch oder erscheinen schlicht als das, was sie sind: gigantische "gated communities", abgeschlossene Bereiche, die der Absicherung von Privilegien dienen. Zutiefst langweilige Orte also, weshalb es immer Künstler geben wird, die dort Hofschranzen spielen müssen. Doch helfen Ressentiments hier nicht weiter.

Hilfreich scheint mir dagegen die Orientierung an den Erben Malewitschs, also jener Generation von Künstlern Osteuropas und Russlands, die seit den siebziger Jahren die Dauerkrise par excellence, nämlich den Zerfall des Sowjetsystems, mit der Obsession von Schmetterlingssammlern beobachteten und kommentierten. Jemand wie der 1947 in Belgrad geborene Künstler Mladen Stilinovic hielt dabei am Suprematismus als einer Art Wiedergänger der utopischen Moderne fest. Nur dass er das Symbolystem alltagstauglich machte: Es wird auf den privaten Wohnbereich bezogen und mit gänzlich unauratischen Ikonen dekoriert (also nicht Lady Di, sondern Elisabeth II.). Stilinovic selbst taucht in allerlei Posen auf, zumeist nackt. Es frappiert, wie uneitel er erscheint. Diese Uneitelkeit verdankt sich dem Ethos nichtoffizieller Kunst, bei der es weniger darum geht, von der Meute gesehen, als von einem gleichberechtigen Publikum erkannt zu werden.

Bildunterschrift:

Ist es nur meiner Fantasie geschuldet, dass ich in der Gestalt des Auktionators jetzt Lenin erkenne?

Links: Tobias Meyer versteigert Kasimir Malewitschs Gemälde "Suprematistische Komposition" (1916) im November 2008 bei Sotheby's, rechts: Revolutionär Lenin bei einer Rede im Jahr 1920

Links: Bankett bei einer Malewitsch- Ausstellung 1927 in Warschau, hinten links das Bild; rechts:

Blick in die Rauminstallation "Crveno-Roza" ("Rot- Pink"; 1973/81) von Mladen Stilinovic