Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 54-61

Bilanz 2008: Welche Krise?

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Nach dem Superkunstjahr 2007 kehrte Nüchternheit ein, individuelle Entdeckungen waren wichtiger als Spektakel - gerade im Angesicht der Wirtschaftsturbulenzen

1. Welche Ausstellung des Jahres 2008 war für Sie die wichtigste und warum? 2. Welche Ausstellung des Jahres 2008 hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum? 3. Welche Künstlerin bzw. welcher Künstler, deren/ dessen Werk Sie 2008 erstmals begegnet sind, hat Sie am meisten interessiert?

Holger Liebs, "Süddeutsche Zeitung", München 1. Jenseits unüberbietbarer monografischer Höhepunkte - etwa Matthias Grünewald in Karlsruhe/Colmar, Mark Rothko in München/Hamburg oder Wolfgang Tillmans in Berlin - war "Notation. Kalkül und Form in den Künsten" in der Berliner Akademie der Künste eine furiose, interdisziplinäre und weithin unterschätzte Reise durch die Ideenwelt der Künstler, dem kuratorischen Geist Harald Szeemanns verpflichtet.

2. Terence Koh in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle: Hallo, Finanzkrise?

This way please ...

3. Im Winter, auf einer der Kunstmessen in Miami, sah man die kleinen, her - metischen, schockgefrorenen Kraftpakete zum ersten Mal; im Frühjahr dann tropfte ihr schwarzer Eisblock in die Ritzen des Bunkers von Christian Boros; im Herbst schließlich gewann sie den ‚blauorange'-Kunstpreis:

Kitty Kraus ist die Entdeckung der Saison.

Barbara Basting, 2008 Kritikerin beim "Tages-Anzeiger", Zürich, jetzt Radio "DSR 2", Zürich 1. Die 5. Berlin-Biennale war wichtig, weil sie sich auf intelligente Weise unter all den hochgeschraubten Erwartungen wegduckte, die auf solchen Stadtmarketing- Veranstaltungen inzwischen lasten - und weil sie viel Stoff zum Nachdenken darüber bot, wie sich der verschlissene Begriff der Kunst retten ließe.

2. "Shifting Identities - (Schweizer) Kunst heute", diese große Überblicksschau im Kunsthaus Zürich, die sich als Momentaufnahme der kosmopolitisch gewordenen Schweizer Kunstszene verstand, scheiterte am unscharfen Fokus und an der Trivialität der Diagnose, trotz zum Teil sehenswerter Werke.

3. Den südkoreanischen Fotografen Noh Suntag (Württembergischer Kunstverein Stuttgart) mit seinen konzeptuell aufeinander bezogenen, aussagekräftigen Bildserien aus Süd- und Nordkorea werde ich weiterhin im Auge behalten.

Matthias Dusini, "Falter", Wien 1. In seiner Ausstellung "Das Auge" in der Wiener Secession bekämpft Thomas Hirschhorn die Informationsflut der Massenmedien durch eine Informationsüberschwemmung, vermeintliche Fakten durch Fetische. Eine Schlacht der Inhalte, von Krieg und Konsumismus, bricht in der stumpfen Mechanik des Auges zum leeren Formalismus.

Ein unheimlicher Trip.

2. Nicht Martin Kippenbergers Frosch-Skulptur macht die Ausstellung "Peripherer Blick und kollektiver Körper" im Bozner Museion zur schlechtesten Ausstellung des Jahres, sondern ein etwas wirres Konzept, das in einer Art Messie-Inszenierung die filigranen Werke der Konzept- und Performancekunst wie Flohmarktware wirken ließen.

Dabei blieb ein guter Teil der Leihgaben ohnehin im Keller.

3. Der Wiener Künstler Constantin Luser lässt den Zeichenstift über Papier, Mauern und Leinwände gehen, verknüpft Bilder und Wörter zu semantischen Teppichen. Die Stangen von Blasinstrumenten mutieren zum kakophonen Urtier, ein Geflecht aus Trommeln zum Iglu. Die Linie, der Raum und der Klang als psychedelisches Rückkoppelungssystem.

Hanno Rauterberg "Die Zeit", Hamburg 1. + 2. Kein Kunstereignis war grandioser, keines abgründiger als Damien Hirsts Großauktion bei Sotheby's. Vermutlich wird man sie eines Tages als eine Art Performance begreifen, als den tollkühn-dreisten Versuch, den Markt an seiner eigenen Gier ersticken zu lassen. Hirsts künstlerisches Material war bei dieser Auktion nicht Farbe oder Marmor, sondern der Marktpreis. Und mit diesen Preisen, mit lauter Rekordsummen für ausgemachte Banalitäten, lockte er die Dekadenz in derart steile Höhen, dass ein Absturz unvermeidlich schien.

Welche Niederlage also für Hirst, dass sich selbst für seine Ikone der Kunsthysterie, für sein "Goldenes Kalb", ein frommer Götzendiener, vulgo Käufer, fand. Erst Wochen später sackte der Kunstmarkt in sich zusammen. Dabei hätte Hirst das Ende des Hypes so gerne als Spektakel inszeniert.

3. Alexander Gronsky. Ein Meister des melancholischen Blicks, alles auf seinen Bildern scheint sich aufzulösen in Stille, Kälte, Weite. Doch nie ist die Melancholie grau verhangen, im Gegenteil, sie scheint von innen heraus zu leuchten.

Ganz so, als wäre Verlorenheit eine große Verlockung.

Richard Cork, "The Sunday Times" und "Financial Times", London 1. In der Presse taucht Francis Bacon heute meist als der Künstler auf, der bei Auktionen Schwindel erregende Preise erzielt. Dieses Jahr ging ein Triptychon von ihm bei Sotheby's in New York für stratosphärische 86,3 Millionen Dollar weg. Es war der höchste je bei einer Versteigerung für ein Kunstwerk erzielte Preis, und das internationale Medieninteresse war umso fiebriger, als herauskam, dass der russische Oligarch Roman Abramowitsch der Käufer war. So war ich dankbar, dass uns die Tate Britain die Möglichkeit gab zu sehen, was an Bacon wirklich bedeutend ist: Die exzellente Retrospektive lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf seine bewegte Vision der Welt.

2. Eröffnen heute weltweit zu viele Kunstmessen? Wo immer ich 2008 hinschaute - jeder schien immer gerade von der letzten spektakulären Kunstmesse zu kommen, anstatt ordentlich kuratierte Ausstellungen in Museen und Galerien anzuschauen, wo Kunst zu sehen ist, ohne dass ein Preisschild dran klebt.

3. Der junge Künstler Roger Hiorns ragte heraus mit einem ehrgeizigen "Artangel"- Projekt in der Harper Road, Süd-London. Er pumpte eine Kupfersulfatlösung in eine herun tergekommene Wohnung. Innerhalb von drei Wochen war das gesamte Interieur mit blauen Kristallen überwachsen. Sie funkelten, glitzerten und blitzten, entwickelten ein unheimliches Eigenleben. Die Arbeit trug den treffenden Titel "Seizure": Sie offenbarte, wie auch noch die letzte verlorene und vergessene Ecke zu einem Ort des Wunders werden kann.

Peter Plagens, "Newsweek", New York 1. Louise Bourgeois, Tate Modern in London und Guggenheim Museum in New York (ich sah sie an beiden Orten). Ich hielt sie vorher für "sehr gut" und "interessant" (wegen ihres Durch haltevermögens), nun habe ich sie als große Bildhauerin entdeckt.

2. Das Broad Contemporary Art Museum in Los Angeles, speziell die Straßenlampen-Installation von Chris Burden im Außenraum. Das Museum bot nur mehr (wenn auch viel mehr) von dem, was man in praktisch jeder Stadt sehen kann, und die Burden-Arbeit war einfach lahm.

3. Mir ist niemand Spezielles aufgefallen. Es war ein flaues Jahr.

Tim Sommer, "art - Das Kunstmagazin", Hamburg 1. Erstmals seit 1936 wieder zeigte Werner Spies in Wien, Brühl und Hamburg die kompletten Originalblätter des surrealistischen Collageromans "Une semaine de bonté" von Max Ernst: ein wahnwitziges, schamloses, unglaubliches Werk, das einen stundenlang sehr still, ergeben und glücklich macht. Am besten mit Lupe betrachten!

2. Über die Bedeutung von Jeff Koons darf man streiten, aber dass die Berliner Nationalgalerie einen solchen Spießer aus ihm macht, kann er nicht verdient haben. Seine spiegelnden Riesenskulpturen gehören auf den blanken Boden gestellt, nicht auf weiß getünchte Schaufensterpodeste. So werden sie biedere, witzlose Nippes in der Museumsvitrine.

3. Die Anknüpfung an die Formensprache der Moderne ist schwer in Mode gekommen. Aber kaum eine junge Künstlerin spielt so souverän, elegant und witzig mit dem heroischen Erbe von Konstruktivismus, Dada und Minimal Art wie die Berlinerin Katja Strunz. Die Metallplastik war ziemlich tot - jetzt lebt sie wieder.

Paolo Vagheggi, "La Repubblica", Rom 1. Die bedeutendste Ausstellung ist die Retrospektive, die Francis Bacon in der Tate Britain gewidmet war. Sie hat es vollbracht, die Größe dieses Künstlers deutlich werden zu lassen, die Größe seiner Sprache und seiner Malerei.

2. Die größte Enttäuschung war die Internationale Architektur-Biennale in Venedig. Sie hat bewiesen, dass die Architekten keine eigene künstlerische Sprache besitzen, und es gab keine Beispiele einer neuen Architektur.

3. Ich habe einen jungen italienischen Künstler gesehen, der am Rande jüdisch-hebräischer Thematiken mit Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt arbeitet. Sein Name ist Pietro Ruffo.

Ulrike Knöfel, "Der Spiegel", Hamburg 1. Peter Doig in London, Paris, Frankfurt am Main, Tracey Emin in Edinburgh: Diese Künstler sind lange dabei und gut im Geschäft - und sie sind doch mit echter Leidenschaft dabei, wenn es darum geht, ihre Werke museal zu präsentieren, sie wagen mutige Brüche, erlauben neue Einblicke, fordern heraus.

2. Jeff Koons in Berlin: Dass Koons, Direktor seiner New Yorker Kunstfabrik, von Berlin aus zum unsterblichen Kultkünstler ernannt wird, ist ja eigentlich lustig. Vielleicht passt es auch in die Zeit, Comeback-Star Koons erzielt auf dem Markt hohe Preise (sehr viel höhere noch als Doig und Emin), und diese Art von Mega-Erfolg wird längst viel ernster genommen als die Kunst selbst. Aber seine bunten Museumsdekorationen hätten zumindest eine mutige kuratorische Inszenierung erfordert.

3. Die Amerikanerin Meredyth Sparks - vor allem die Werke zu Gerhard Richters RAF-Zyklus "18. Oktober 1977" (Galerie Elizabeth Dee, New York).

Philippe Dagen, "Le Monde", Paris 1. "Spuren des Geistigen" im Pariser Centre Pompidou, keine Schau der großen Namen, sondern eine echte Analyse kreativer Leistungen des 20.

Jahrhunderts, mit einigen sehr wichtigen Fragen, etwa nach den Verbindungen zwischen Abstraktion und Religion, Geometrie und Mystizismus, Tanz und Performance, europäischer Avantgarde und kalifornischen Künstlern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine brillante und überraschende Werkauswahl, von Malerei bis Video.

2. Richard Serra im Pariser Grand Palais: nichts Neues, nur wieder einmal monumentale, flache Eisenskulpturen und die selbstverliebteste und überflüssigste Schau des Jahres. Teuer war sie auch - wofür?

3. Als ich die Arbeiten von David Lefebvre zum ersten Mal sah, hielt ich sie für Beispiele des Post-Pop oder Neo-Pop, der sich auf Filme, Fotografien und Bilder aus den Massenmedien bezieht. In Wahrheit ist alles aber viel komplexer und subtiler. Lefebvre, 28, der aus Grenoble stammt, ist eher ein postkonzeptueller Maler. So war in seiner ersten Einzelausstellung in der Pariser Galerie Zürcher im September ein Bild mit einer Berglandschaft zu sehen, sehr schön gemalt, mit Schnee, Felsen und einem perfekten blauen Himmel.

Die Alpen? Der Himalaya? Nichts davon. Sondern eine grafische Darstellung der jüngsten Entwicklungen des Kakao- oder Goldpreises und ähnlicher Daten aus der Wall Street. Die statistische Kurve wird zum Gipfel eines Fantasie- Bergs - eines Bergs, der genauso gefährlich und eisig ist wie unsere Welt. Das ist lustig, fremdartig und clever.

Niklas Maak, "Frankfurter Allgemeine Zeitung" 1. "The Forgotten Bar Project" in Berlin. So etwas gab es noch nicht: Ein paar Künstler mieten einen kleinen Raum in Berlin - und zwei Monate lang gibt es jeden Abend eine Eröffnung. Am nächsten Tag wurde die Kunst dann wieder abgebaut und eine neue Ausstellung installiert. Fast alle wichtigen Berliner Künstler waren dabei, zeigten für einen Tag, woran sie gerade arbeiten, Ideen wurden diskutiert, Formen neu erfunden - so sah 2008 das "Labor der Gegenwartskunst" aus, von dem immer alle reden.

2. "Diana und Aktaion" im Museum Kunstpalast, Düsseldorf. "Der verbotene Blick auf die Nacktheit" sei hier zu sehen, hieß es. Aber von wem verboten? Schon die Akt- und Nacktmalerei des 19. Jahrhunderts war kein kunstgeschichtlich wertvoller "Schock", sondern Teil einer blühenden Pornoindustrie. Zum Brechen von sexuellen Tabus war die Kunst meistens zu spät dran - und so war die kulturtheoretisch aufgedonnerte Ausstellung eher etwas für ältere Herren, die mal wieder einen schönen nackten Hintern sehen wollen.

3. Raumlabor und Zhao Zhao. Sie nennen sich Raumlabor, sitzen in Berlin - und das, was dieses Kollektiv macht, kann man utopische Architektur oder Wiederbelebung von Aktionskunst und Happening nennen. Sie erfanden das "Küchenmonument", eine aufblasbare Skulptur, in der man sich treffen, essen, alle erdenklichen Dinge veranstalten kann. Und im Meer der Seltsamkeiten, die die chinesische Kunstszene in die Galerien spült, ist der junge Zhao Zhao eine wunderbare Ausnahme: ein feiner, poetischer Vandale, der zum Beispiel von Anselm Kiefers Berliner Skulpturen Blei abbrach und daraus kleine Plastiken bastelte.

Bildunterschrift:

Noh Suntag hält nordkoreanische Propagandaspektakel fest:

Bild aus der Fotoserie "Red House I-III" (2003/07)

Im Boros-Bunker: Arbeit ohne Titel (2008) von Kitty Kraus

Einheit von Linie, Raum, Klang: die Installation "Trommeliglu" von Constantin Luser (2007)

Unheimliches Eigenleben der Kristalle: die Installation "Seizure" (2008) von Roger Hiorns

Die Verlockung der Verlorenheit: die Fotoarbeit "Komsomolsk- na-Amure" (2006) von Alexander Gronsky

Arbeit der "großen Bildhauerin" Louise Bourgeois: "Cumul I" (1968)

Panzer aus Papier, auf dem jüdische Gebete gedruckt sind: die Skulptur "Youth of the Hills" (2008) von Pietro Ruffo

Katja Strunz in der Galerie Contemporary Fine Arts, Berlin:

"Einbruchstelle" vor "Memory Wall" (beide 2008)

Gerhard Richters RAF-Zyklus mit Konstruktivismus kombiniert:

"Gudrun Constructed" (2008) von Meredyth Sparks

Das "Küchenmonument" des Berliner Büros Raumlabor und Plastique Fantastique wurde 2006 unter der Brücke in der Duisburger Innenstadt installiert

Statistik-Kurven formen einen Berg:

"CAC 40 of the 11.04.05" (2006) von David Lefebvre