Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 70-71
Das Böse im Dickicht
Von Zo Jenny
Als Teenager kopierte Zoë Jenny in monatelanger Versunkenheit Frida Kahlos Gemälde Selbstbildnis mit Affe. Später gab ihr das Bild die Idee zu einem Roman
Blickwechsel Schriftsteller und ihr Lieblingsporträt SERIE (3)
Vor dem Schreiben war das Malen. Im Schulunterricht malte ich Menschen mit grünen und blauen Haaren und Bilder mit dem Titel "Dämon und Wolkenkrieger nach einer Schlacht". Die Lehrerin schüttelte den Kopf und holte den Schulpsychologen.
Der wiederum klatschte in die Hände und sagte, lasst sie malen, was und so viel sie will.
Im Alter von 17 Jahren hatte ich mein Zimmer in ein Atelier umfunktioniert, neben dem Bett stand eine Staffelei.
Dort kopierte ich in monatelanger Versunkenheit Frida Kahlos "Selbstbildnis mit Affe". Es sollte mein einziges Bild bleiben. Danach malte ich mit Worten weiter. Der Übergang vom Pinsel zur Feder führte über dieses Bild. Es war der Wendepunkt. Vom Bild zum Wort. Vom Porträt zum Roman zum Porträt. Es war auch dieses Bild von Frida Kahlo, welches meinem letzten Roman "Das Portrait" die Vorlage gab. Darin malt die Malerin Helen ein Porträt des Kunstsammlers R. Nicht nur das Bild war mir vertraut, auch den Prozess des Malens konnte ich leicht beschreiben, da ich mir das Bild Pinselstrich für Pinselstrich angeeignet hatte. Ich hatte das Bild sozusagen verinnerlicht und konnte es daher verwenden und in einen neuen mir beliebigen Zusammenhang stellen. Das Gesicht habe ich zwar mit einer Romanfigur ausgewechselt, aber den Rest des Bildes realitätsgetreu beschrieben, ohne allerdings den Leser darauf hinzuweisen, dass es sich um ein existierendes Bild handelt. Immer wieder haben sich Werke von Künstlern in meine Texte eingeschlichen, von Wolfgang Laib ("Das Blütenstaubzimmer"), über Gerhard Richters Kerzenbild ("Das Portrait") zu Frida Kahlo. Was mich an Frida Kahlos Selbstporträts unter anderem so fasziniert, sind die Tiere. Es handelt sich dabei vor allem um ihre Haustiere, Papagei en, Affen und Hunde, die sie in großer Zahl hielt. Sie spielen in ihrer Malerei eine außerordentlich wichtige Rolle.
Auch Helen, die Malerin im Roman, hat sich auf das Malen von Porträts mit Tieren spezialisiert. "Jeder Mensch ist auch ein Tier, dachte Helen.(...) In Gedanken setzte sie den Menschen Tierköpfe auf, sie konnte sofort erkennen, ob jemand ein Hund, eine Katze oder ein Vogel war. Wo sie auch hinschaute, sah sie Schildkrötenhälse, Froschaugen, schütteres graues Hyänenhaar und Affenschädel." Der Affe auf Frida Kahlos Bild hat seine Arme um sie gelegt, umklammert sie wie beschützend. Ein rotes Haarband ist um ihren und seinen Hals gewickelt, sie sind ganz und gar miteinander verbunden. Etwas Unausweichliches, Schicksalhaftes liegt darin, als wäre es ein Gesetz.
Auffällig ist die Hand des Affen: "Die Affenhand ähnelte verblüffend der menschlichen, so, als könnte sie sich jederzeit bewegen, alle die Dinge tun, die eine menschliche Hand zu tun in der Lage war." Das Dickicht im Hintergrund bildet ein Dschungel, aus dem es kein Entrinnen gibt, es wirkt klaustrophobisch, als ob sie Gefangene sind.
Die Natur, die sie umgibt, ist eine Bedrohung. Der Affe, etwas zurückversetzt, scheint direkt aus dem Dschungel gekommen zu sein. Auch wenn der Affe freundschaftlich den Arm um ihre Schulter legt, ist er dennoch wild - Affen sind nicht domestizierbar. Vielmehr ist der Mensch ein domestizierter Affe.
Im "Physiologus", dem Schlüsselwerk zur Tiersymbolik und seiner Wirkung auf die bildende Kunst, wird der Affe als Teufel beschrieben. Im mitteleuropäischen Raum wurde er meist mit negativem Symbolgehalt ausgestattet.
Er steht für das Böse, für Eitelkeit, Gier und Lüsternheit.
Oft wurde der Affe mit einem Spiegel dargestellt. Auch ein Selbstporträt ist ein Spiegel, und in den Augen des Affen spiegelt sich die Malerin. Frida Kahlo malt sich mit dem Affen, dem Teufel, der aber in einem weiteren Sinne auch das Schöpferisch-Kreative verkörpert, denn alle Kunst ist narzisstisch und zumindest teilweise auch Gier und Eitelkeit.
Künstlerin und Affe sind aneinandergekettet, der Pakt mit dem Teufel unumgänglich, ja Voraussetzung der Kunst.
Kaum eine Malerin war so obsessiv an sich selbst interessiert, an dem eigenen Körper, der für sie vor allem ein Haus des Schmerzes war. Die Selbstdarstellung war für sie eine Möglichkeit, das große physische und psychische Leid zu ertragen und zu manifestieren bis über ihren eigenen Tod hinaus.
Frida Kahlo, "Die Malerin des Schmerzes", wurde zur Popikone. Bekannt, aber nicht erkannt und letztlich völlig unverstanden, sind ihre Bilder für mich immer noch neu zu entdecken und ihre Rätsel ungelöst. In ihrem Selbstporträt spiegelte sich die Malerin in der Autorin. Die Affinität zur Malerei war von an Anfang an gegeben.
Frida Kahlos Bilder sind für mich wie ein Zauberschrank, durch den ich hineingehen und in einen neuen Raum gelangen kann, in dem ich mich dann schreibend einrichte. Wort für Wort.
IM NÄCHSTEN HEFT: Tanja Dückers über "Die kranke Valentine Godé-Darel" von Ferdinand Hodler
Kasten:
ZOË JENNY Die 1974 in Basel geborene Schweizer Autorin lebt und arbeitet heute in London. Mit 23 Jahren brachte die Tochter eines Verlegers und einer Malerin 1997 ihren ersten Roman heraus.
"Das Blütenstaubzimmer" wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis und dem Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet und mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt. In der Frankfurter Verlagsanstalt, die Jennys Debüt veröffentlicht hatte, erschienen zwei weitere Romane "Der Ruf des Muschelhorns" (2000) und "Das Portrait" (2007), in dem das Atelier einer jungen Malerin zum Ort zwischenmenschlicher Machtspiele wird. Jennys vierten Roman "Ein schnelles Leben" (2002) publizierte der Aufbau Verlag.
Bildunterschrift:
Vor dem Schreiben war das Malen. Der Übergang vom Pinsel zur Feder führte über dieses Bild.
Es war der Wendepunkt
Frida Kahlos "Selbstbildnis mit Affe" (1940, 55 x 44 cm)
