Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 98-99

Arche Noah für die verletzte Stadt

Von Claudia Bodin

NEW ORLEANS: PROSPECT.1

Eine Biennale soll der vom Wirbelsturm verwüsteten Stadt zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen. Auch New Orleans, kulturell bislang eher für Jazz und Partys bekannt, hat nun seine Kunstbiennale.

Mit einem Budget von 3,5 Millionen Dollar aus Spendengeldern stellte der New Yorker Kurator Dan Cameron die beeindruckende Veranstaltung mit eineinhalb Jahren Vorlaufzeit auf die Beine.

"Prospect.1" ist als Hilfsaktion angelegt, die der nach wie vor unter den Folgen von Hurrikan "Katrina" leidenden Stadt nicht nur mehr Besucher, sondern auch moralische Unterstützung bringen soll.

Damit handelt es sich um eine hoch emotionale Angelegenheit. Sie wird dadurch verstärkt, dass zum einen so manche der 81 teilnehmenden internationalen Künstler, von denen nur zehn aus der Gegend von New Orleans stammen, die Folgen von "Katrina" als Thema wählten. Zum anderen hat Cameron seine Biennale auf 30 Standorte in der versehrten Stadt verteilt. So entschieden sich einige Künstler, Arbeiten im Lower Ninth Ward zu machen: Die Gegend im Osten der Stadt, in der überwiegend Afroamerikaner lebten, wurde vom Wirbelsturm 2005 komplett zerstört und seither kaum wieder aufgebaut. Nirgendwo wird deutlicher, dass die Politik weite Teile von New Orleans aufgegeben zu haben scheint.

Die Ausstellungsorte machen einen Teil der Faszination der Biennale aus.

Manchmal stehen die Arbeiten der Künstler in deprimierender Konkurrenz zu den Bildern, die von der Wirklichkeit geliefert werden. So haben die Betonstufen als einzige Überreste eines Hauses mindestens ebenso viel Kraft wie die Leiter, die der Künstler Leandro Erlich zu einem häuserlosen Fenster direkt in den Himmel führen lässt. Nari Ward baute in einer kleinen Gemeindekirche, die auf wundersame Weise als eines von wenigen Gebäuden stehen geblieben ist, einen Diamanten aus alten Fitnessgeräten. Der aus Los Angeles stammende Mark Bradford zimmerte aus alten Sperrholzplatten mit Werbepostern eine Arche Noah zusammen.

Und Adam Cvijanovic bemalte die Wände eines geräumten Hauses mit menschenleeren Sumpflandschaften.

Andere Arbeiten sind in alten Stadtvillen, in einer Autowerkstatt, in Lagerhallen, einem kurz vor der Biennale geräumten Beerdigungsinstitut oder einem ehemaligen Möbelgeschäft untergebracht.

Doch auch in den Museen finden sich starke Arbeiten. Die bis auf wenige Ausschnitte mit hellblauer Farbe übermalten Zeitungsausrisse der Französin Anne Deleporte zählen dazu. Dem Südafrikaner Zwelethu Mthethwa gelingt es, mit seinen Fotos von Baracken oder auch einer Kleiderstange, an der heute noch die mit Schlamm bedeckten Kleiderstücke hängen, den Orten der Verwüstung eine schaurige Poesie zu verleihen. Der Schamane Victor Harris führt seine Kostüme aus Perlen und Federn vor - jedes für sich ein einzigartiges Kunstwerk, das er alljährlich bei den traditionellen "Mardi Gras"-Paraden mit Leben füllt.

Die Kultur sei der einzige Bereich, in dem New Orleans zu etwas tauge, sagt der lokale Galerist Jonathan Ferrara.

Für zehn Jahre verpflichtete sich Cameron dem Projekt. Er hat der Kunstwelt und der verletzten Stadt eine Veranstaltung geschenkt, die dafür sorgen soll, dass sich die Einwohner über etwas anderes als die Katastrophe definieren können und von der Welt anders wahrgenommen werden. Man darf schon jetzt gespannt sein, was die nächste Biennale bringt.

Termin: bis 18. Januar 2009. Katalog: Verlag Picture Box, 50 Dollar. Internet: www.prospectneworleans.org

Bildunterschrift:

Aufruf zum Neuanfang: Der kalifornische Künstler Mark Bradford hat aus gefundenen Plakatwänden eine Arche Noah zusammengezimmert