Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 100
Melancholie und Mottenkugel
Von Ute Diehl
TURIN: T2-TRIENNALE
Die Ausstellung durchzieht eine Stimmung, die unvorhergesehen gut auf die aktuelle Situation der Kunstszene passt. Als Daniel Birnbaum zum Leiter der zweiten Turin-Triennale ernannt wurde, konnte er kaum ahnen, wie passend sein Thema der "saturnischen Melancholie" bei der Eröffnung sein würde. Denn die zeitgenössische Kunst, für Turin ein gerade erst entdeckter Standortfaktor, steht unter Druck: Auf Förder- und Sponsorengelder angewiesene Institutionen wie das Castello di Rivoli sehen einer ungewissen Zukunft entgegen - die internationale Wirtschaftskrise hat auch das norditalienische Piemont erreicht.
"Die Melancholie ist zwar eine düstere, aber eine produktive Gemütsverfassung", versuchte Birnbaum in seiner Eröffnungsrede die Vertreter der Banken und der Stadtverwaltung zu ermutigen.
"Sie ist überhaupt die Voraussetzung für Kreativität.""50 Lune di Saturno" (50 Monde des Saturn) hat der in Deutschland lebende gebürtige Schwede, der auch die kommende Venedig-Biennale leiten wird, die Schau betitelt. Und lässt rund um den großen, die Melancholie symbolisierenden Planeten 50 Künstlermonde kreisen. Zwei dürfen besonders kräftig leuchten: Der dänisch-isländische Kunststar Olafur Eliasson hat im Castello di Rivoli Plexiglasringe aufgehängt, die in einem gelassen-kühlen Lichtspiel farbige Kreise auf die Wände werfen. Der in New York lebende Paul Chan führt uns dagegen in die Hölle:
Seine Videobilder zeigen ein Töten und Vernichten in krankhaftem Wiederholungszwang.
Von der lebhaften lokalen Szene angetan, hat Birnbaum allein 15 junge italienische Künstler ausgewählt. Und der Triennale-Titel, erklärt er, stamme eigentlich von Wolfgang Tillmans, von dem denn auch eine schöne, melancholische Fotoinstallation zu sehen ist. Zum Thema passen auch die nächtlich schwarzen Bilder des polnischen Malers Wilhelm Sasnal, die nostalgische Rekonstruktion eines Großcomputers des Polen Robert Kus´mirowski und eine große, penetranten Geruch verströmende Mottenkugel der Südkoreanerin Koo Jeong-a.
Termin: bis 1. Februar 2009. Katalog: Verlag Skira, 45 Euro. Internet: www.torinotriennale.it
Bildunterschrift:
Olafur Eliassons Kunstsonne scheint trotz knapper Kassen: "The Sun Has No Money" (2008)
