Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 8-9
Studio - Stalaktiten-Kuppel im neuen Saal der Menschenrechte
Von Oswalt Kolle
SCHNELLDEUTUNG Verbotene Blicke Der Mythos von Diana und Aktaion:
Oswald Kolle erzählt, warum der Jäger sterben muss, nachdem er die nackten Nymphen beim Bad überrascht hat Mit Filmen wie "Das Wunder der Liebe" hat Oswald Kolle, 80, die Deut schen in den Sechzigern aufgeklärt.
In art verrät er, warum eine Ausstellung wie "Diana und Aktaion.
Der verbotene Blick auf die Nacktheit" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (bis 15. Februar) immer noch für Furore sorgt:
"Die Gründe sind uralt. Schon in der Bibel wird der verbotene Blick sanktioniert: Als Adam Eva erkennt und sieht ,Oh, die ist ja nackt - und begehrenswert!' müssen sie raus aus dem Paradies. Das sexuelle Tabu ist nicht die Nacktheit, sondern das Begehren. Meine Botschaft war ja schon vor 40 Jahren: Schaut hin! Und genießt es! Das war ein Skandal. Noch skandalöser war es, das Frauen zu sagen. Dass Männer Frauen begehren ist ja seit Jahrtausenden bekannt, aber umgekehrt war das ein Tabu. Ein nackter Männerkörper ist auch heute noch anstößiger als ein Frauenkörper. Männer wollen ihre eigene Nacktheit nicht sehen. Das sind Urängste vor Schwäche und Vergleich, da denkt der Mann noch mit dem Affenhirn. Im Mythos von Diana und Aktaion entdeckt der Jäger Aktaion zufällig die nackten Nymphen und dreht sich nicht sofort um - das wird bestraft. Schon in der Bibel wird man vom Hingucken blind; deswegen spielte sich ja auch lange jede Sexualität im Dunkeln ab. Maler haben sich allerdings immer darüber hinweggesetzt. Wenn sie die Nackten allegorisch verpackten, nahm niemand Anstoß daran. Nacktheit interessiert die Menschen! Die ersten Daguerreotypien waren von Nackten, das Internet ist voller Nacktheit. Wir können uns nicht satt sehen an Nackten, und wir genießen es, begehrt zu werden. Das ist menschlich! Und vermutlich fand Diana es eigentlich ganz schön, von Aktaion gesehen - und begehrt - zu werden."
EINE LISTE VON AUSSTELLUNGSTITELN Diffuse Sehnsucht 2008 1. Nur ein paar Augen sein Paula-Modersohn- Becker-Museum, Bremen 2. Something Vague Bonner Kunstverein 3. Die Summe der Möglichkeiten Galerie Epikur Wuppertal 4. You promised me Kunsthalle Mannheim 5. In Erwartung einer Antwort Stadtgalerie im Elbforum Brunsbüttel 6. Mythische Orte Buddenbrookhaus, Lübeck 7. Im Sog der Farbe Galerie Rigassi, Bern 8. Leben am Ende des Lebens Verein zur Förderung künstlerischer Projekte mit gesellschaftlicher Relevanz e.V., Wiesbaden 9. Etwas bleibt! - Bleibt etwas? Haus am Lützowplatz, Berlin 10. Between what was and what might be Essl- Museum, Klosterneuburg/Wien 11. Moon Studies and Star Scratches Sebastian Fath Contemporary, Mannheim 12. Gibt es die Welt auch ohne mich Bielefelder Kunstverein 13. Wege der Lebensfreude, Wege der Lebensklage Museum Georg Schäfer, Schweinfurt
KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (20)
Hobbykünstler, der: m., Sg., Kompositum aus dem engl.
Begriff für "Steckenpferd" [Beschäftigung, der man in der Freizeit nachgeht] und dem dt. allg. Oberbegriff für kreative Persönlichkeiten. H. meint also einen Menschen, dessen Schaffenskraft qualitativ nicht genügt, um mit dem Erschaffenen den Lebensunterhalt zu bestreiten. Der logische Umkehrschluss, dass die kreativen Entäußerungen von Berufskünstlern qualitativ per se hochwertig sind, ist allerd. nicht gültig und bedarf im Einzelfall gesonderter Beweisführung.
GEHT'S NOCH?!
Als Damien Hirst 2007 - relativ spät, muss man sagen - auf den Totenkopf- Trend aufsprang und einen diamantbesetzten Schädel zur teuersten Trash-Ikone der Gegenwart veredelte, war das grenzwertig. Seitdem überschwemmen unbekannte Künstler den Markt mit drittklassigen Hirst-Derivaten. Der polnische Street-Art-Künstler Peter Fuss bot eine Version mit Glasdiamanten für 1000 Pfund an. Die Kanadierin Laura Kikauka ließ im Schaufenster der Berliner DNA-Galerie einen paillettenverzierten Schädel rotieren.
Christoph Steinmeyers Fall ist besonders tragisch, da er bereits seit sieben Jahren seine Edition "Disco Inferno" aus verspiegeltem Plexiglas vertreibt und jetzt unfreiwillig zum Hirst-Nachahmer abgestempelt wird.
FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (2)
Marie, 6, über "Der heimliche Kuss" (um 1787) von Jean-Honoré Fragonard Ich weiß genau, was da passiert: Ein Prinz küsst eine Prinzessin. Das spiele ich auch manchmal mit meinen Barbies. Der Prinz ist gerade von draußen rein gekommen.
Die Prinzessin wohnt in einem Zimmer im Schloss und hat viele schöne Möbel. Ich mag den goldenen Sessel und den Tisch mit den Schleifen in der Schublade. Die Möbel sind von früher. So ähnliche habe ich schon mal im Fernsehen gesehen. Zu Hause haben wir andere. Da habe ich auch ganz viele Kleider. Das Kleid von der Prinzessin finde ich ein bisschen langweilig. Hinter der Tür hängt ein Bild mit Frauen, die sich unterhalten. Aber Moment mal: Das ist gar keine echte Prinzessin!
Das ist eine Puppe!! Echte Frauen sind nicht so dünn in der Mitte. Nicht mal meine Barbies sind so dünn in der Mitte. Es gibt so große Puppen. Die macht man aus Plastik und Gips, und am Schluss werden die Haare reingepiekst. Das weiß ich aus dem Fernsehen. Nur, warum der Prinz eine Puppe küsst, verstehe ich nicht.
Jungs spielen eigentlich nicht so gern mit Puppen.
DIE ART-HOME-STORY (18)
Zu Gast bei Thomas Rentmeister Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.
Penaten-Creme Okay, diese Sammlung ist überschaubar, aber dennoch nicht uninteressant!
Darunter befindet sich zum Beispiel eine ungarische Dose, die mir eine befreundete Journalistin mal geschenkt hat. Sie erzählte, dass die ihr mal sehr bei der Arbeit in einem Krisengebiet geholfen habe. Die kleine Nivea-Dose hat auch ihren festen Platz in der Cremesammlung.
Blechkatze Gebaut von meinem Onkel Hans für meine Mutter. Sie stand dann jahrelang in ihrem Garten.
Wie nennt man so etwas? Dekorative Skulpturen für den Hausgebrauch? Onkel Hans war ein unglaublich kreativer Mensch. Seit Jahren überlege ich, eine Onkel-Hans-Ausstellung mit Exponaten aus dem Familienkreis zusammenzutragen.
Wenn er noch am Leben wäre, würde ihm so eine Schau sicher gut gefallen.
Hampel-Beuys Ein Geschenk meines Freundes Jürgen Stollhans, der auch Künstler ist. Die Widmung auf der Rückseite lautet: "zum abarbeiten von Stockzcel Merz 99". Das ist bewusst dadaistisch gehalten. Ich bewahre diese Puppe immer in einer Kiste auf und hole sie nur gelegentlich heraus, um sie Besuchern zu zeigen.
Sesselstuhl Dieses Möbel mag ich, weil es eine Art Nicht-Design ausstrahlt und trotzdem für einen vergangenen Zeitgeist steht. Vielleicht ist es auch ein Klassiker, aber das ist eher unwahrscheinlich. Ich kann mich erinnern, wie ich den Stuhl einem Türken auf der Straße in Ratingen für 20 Mark abgekauft habe. Das war kein Design-, sondern ein Gemüseladen.
Nutella-Fass Davon stehen hier neun Stück herum, die Reste einer Installation von der Art Basel mit insgesamt 600 Kilogramm Nutella.
Dieses Material habe ich 1999 entdeckt.
Damals wurden meine Polyesterskulpturen manchmal mit Nougatpralinen verglichen. Das ärgerte mich, brachte mich aber auch auf die Idee, nach zehn Jahren Polyester einfach mal das Material zu wechseln. Meine erste Arbeit, ein Kunststoffregal mit Nutella, hängt heute im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main.
Bildunterschrift:
Der mallorquinische Künstler Miquel Barceló benötigte zur Vollendung der Stalaktiten-Kuppel im neuen Saal der Menschenrechte am UNO-Sitz in Genf 13 Monate, 35 000 Liter Farbe, 18 Assistenten, einen Höhlenexperten und einen Privatkoch. Aber nicht nur, dass das 20 Millionen Euro teure Werk zum Teil aus einem spanischen Entwicklungshilfefonds finanziert wurde - jetzt bröckeln die bis zu zwei Meter langen und 50 Kilo schweren Zapfen auch noch von der Decke. Zwei Wochen nach Eröffnung musste der Saal für Sanierungsarbeiten bereits wieder gesperrt werden.
Sexualaufklärer Oswald Kolle
"Diana mit Aktaion und Kallisto" von Rembrandt Harmensz. van Rijn (1634, 74 x 94 cm)
Die etwa 250 Quadratmeter große Lichtwand im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) scheint genau die richtige Therapie für müde Augen in dunklen Tagen zu sein. Ursprünglich hatte die Künstlerin Rosalie das "Hyperion_Fragment" gemeinsam mit dem Komponisten Georg Friedrich Haas für die Donaueschinger Musiktage 2006 entwickelt. Im ZKM findet das betörend schöne Lichtspiel noch bis zum kommenden Herbst ohne Musik statt.
"Ich wollte die Architektur nicht provozieren, sondern mit ihr verschmelzen", beschreibt die Schweizer Künstlerin ihre wandfüllende Videoarbeit Pour Your Body Out im riesigen MoMA-Atrium. Die Besucher sollen sich gehend, sitzend, liegend in der bunten Blumenmeer- Projektion erholen. Der Raum sei bestens dafür geeignet, so Rist. "Mein größtes Bestreben ist, Körper und Geist zu versöhnen." Ob ihr das mit "Gieß Deinen Körper aus" gelingt, können Besucher noch bis zum 2. Februar 2009 in New York testen. Infos: www.moma.org
Das MoMA als Wellness-Oase: Pipilotti Rist will mit dieser Arbeit den Besuchern inneren Frieden schenken
Glitzerschädel von Jim Riswold, Peter Fuss und Christoph Steinmeyer (von oben nach unten)
Hobbykunst (links) von Winkelmann, Berufskunst (rechts) von Andreas Slominski ("Die Mühle von Richard Kluin", 1997)
Der Installationskünstler Thomas Rentmeister, 43, in seinem Berliner Atelier. Infos: www. aurelscheibler.com, www. thomasrentmeister.de
