Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 32-39

Die neue Stadtguerilla

Von Alain Bieber

Keine Angst, die wollen nur spielen: Illegale Skulpturen und Interventionen im öffentlichen Raum sind der neueste Streich der Postgraffiti-Generation. Street Art verwandelt die Stadt in einen Abenteuerspielplatz der Kunst

Der Regen trommelt gegen die Schaufensterscheibe. Brad Downey sitzt in seinem Berliner Atelier, einem alten Ladenlokal am Prenzlauer Berg, und betrachtet die dicke Wolkendecke. Eigentlich hat er für heute eine spontane Intervention geplant. Downey möchte bunte Klebebänder von einer sich drehenden Litfaßsäule aufrollen lassen.

"So macht sich die Stadt selbst zur Skulptur, you know", sagt er. "Aber wahrscheinlich ist es zu feucht dafür." Die Stadt hat keine Lust auf Street Art.

Obwohl sie gerade heute ein wenig Farbe vertragen könnte.

Brad Downey, 28, rostbrauner Sechs-Tage-Bart, Sommersprossen und Kaugummi-Akzent, pflegt sein Bad- Boy-Image wie seine Out-of-Bed-Frisur.

Er stammt aus Kentucky, hat Kunst und Film in New York und London studiert, lebt jetzt in Berlin und bespielt hier regelmäßig den Stadt raum mit seinen Skulpturen - und die Szene bejubelt ihn bereits als "nächsten Banksy". Downey nahm auch bei der Großausstellung "Skulptur Projekte" in Münster 2007 teil - natürlich unaufgefordert.

"Ich wollte nicht noch einmal zehn Jahre lang auf eine offizielle Einladung warten", erzählt er. Auf der Wiese von Dominique Gonzalez- Foerster (siehe Seite 42), bei der sie Miniaturen von Skulpturen verschiedener Künstler präsentierte, deponierten Downey und seine Freunde ein fach ihre eigenen Modelle. Und wurden kurz darauf festgenommen.

"Die Polizei war völlig überfordert", sagt Downey. "Sie wusste nicht, was Vandalismus sein soll und was eine offizielle Skulptur. Aber am Ende fanden die Cops das sogar so lustig, dass sie sich als Andenken mit uns fotografiert haben." Bereits seit Jahren brechen Künstler aus den ihnen zugedachten Kunsträumen aus. Und landen dabei auf der Straße. Street Art ist zu einem Sammelbegriff für ein buntes Spektrum an Eingriffen im öffentlichen Raum geworden, die mit den Graffiti der siebziger Jahre nicht mehr viel gemeinsam hat. Aus den ersten Schriftzeichen entwickelten sich kunstvolle kalligrafische und dreidimensionale Bilder. Dann kamen die Wandwitze. Schnelle Pointen auf Stickern oder gesprüht mit Schablonen, die aufgrund der immer strengeren Anti-Graffiti-Gesetze entstanden.

Die neue Generation hat sich vom Medium Wand emanzipiert: Besonders beliebt sind heute Skulpturen und temporäre Eingriffe in den Stadtraum - auch bei Hausbesitzern. Denn die Kunst zerstört kein Eigentum, lässt sich notfalls schnell mit einem Besen wieder beseitigen und ist zudem auch allgemein zugänglicher. Graffiti waren meist urbane Codes von Insidern für Insider. Trotzdem liegt der Reiz und große Unterschied zur Kunst im öffentlichen Raum - von Reiterstandbildern bis zu Skulpturen von Niki de Saint Phalle - in der Illegalität: "Wenn man eine Förderung beantragt, schreibt man monatelang Konzepte und Budgetpläne, bis am Ende die Idee völlig verwässert ist und man die Lust am Projekt verloren hat", meint Downey.

"Die Legalität würde meine Arbeit verlangsamen. Ich will schnell viele Ideen realisieren - ohne Geld und lästige Bürokratie." Vor allem ist Street Art ein Spiel um Aufmerksamkeit - für die Aufmerksamen: Der Londoner Slinkachu setzt Spielzeugfiguren aus, die man bisher nur als Bewohner von Modelleisenbahnanlagen kannte, und inszeniert mit ihnen surreale Miniwelten.

Nick Georgiou recycelt in New York alte Zeitungen und produziert aus den Schnipseln absurde Tierskulpturen.

Krystian Czaplicki aus Breslau liebt geometrische Abstraktio nenund setzt diese mit Styropor und alten Kartons im Stadtraum um. Und der US-Künstler Mark Jenkins provoziert die Passanten mit lebensgroßen Figuren aus Klebeband, die am Straßenrand betteln oder als Leiche im Fluss treiben. Als er in Washington Eisbärskulpturen aufstellte, eigentlich eine PR-Aktion für Greenpeace, um auf die Erderwärmung hinzuweisen, löste eine am Mülleimer befestigte Bärenfigur eine solche Panik aus, dass sogar ein Bombenentschärfungskommando eingeschaltet wurde.

An solchen Beispielen sieht man:

Street Art kann mehr. Mehr bewegen, mehr überraschen, mehr provozieren.

In Museen und Galerien sind die Regeln starr und die Reaktionen eingeübt:

Die Kunst hängt, liegt oder steht - der Betrachter sieht, staunt und geht.

"Galerien langweilen mich", sagt auch Downey. "Das sind nur noch Shops, um Dinge zu verkaufen. Ich möchte mit der Stadt arbeiten, im realen Raum reale Erfahrungen sammeln." Und wem seine Skulpturen nicht gefallen, dem erklärt er die Idee. "Manchmal vertreiben sie mich dann, manchmal verhaften sie mich, und manchmal sagen sie nur: Mach danach aber alles wieder sauber." Kultur entsteht durch Spiel - den Spaß daran und durch die daraus entstehende Spannung. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", schrieb Friedrich Schiller einst.

Und der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga prägte den Begriff "Homo ludens", den spielenden Mensch, der für die Street-Art-Künstler so beschreibend ist. Die Straße wird zur Leinwand, die Stadt zum Abenteuerspielplatz.

Zweck gebundene Stadtmöbel werden zweckentfremdet. Jede Bushaltestelle, jede Sitzbank, jeder Pflasterstein ist ein nächstes, potenzielles Kunstwerk. Und die Künstler spielen mit dem Stadtraum, den Bewohnern und der Geschichte der künstlerischen Avantgarde. Ein Schuss Spontaneität der Situationisten, ein paar choreografische Fluxus-Elemente, ein bisschen Land Art, eine Dosis Dada-Absurdität, verquirlt mit Ready-Mades und Minimalismus - und fertig ist die Street-Art-Skulptur. Aber man muss diese Bezüge auch nicht erkennen, um Street Art zu verstehen. "Street Art versteckt sich nicht in Museen. Sie funktioniert in unserem alltäglichen Lebensraum, ist Kunst für die Masse, und kann trotzdem intellektuell und konzeptionell sein", sagt Brad Downey.

"Street Art ist wie Baudrillard in Disneyland."

Literatur: "The Adventures of Darius and Downey", Thames & Hudson, 2008; "Little People in the City.

The Street Art of Slinkachu", Boxtree, London 2008; Julia Reinecke: "Street Art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz", Transcript Verlag, 2007

Alle Webseiten der Künstler und mehr Bilder unter: www.art-magazin.de/streetart

Bildunterschrift:

Mark Jenkins, 38, sorgt regelmäßig für Verwirrung, wenn er seine lebensgroßen Klebeband-Skulpturen im Wasser treiben oder an einer Straßenecke betteln lässt. "Aber meistens löst sich die erste Schrecksekunde schnell in einem Lachen auf", sagt der US-Künstler aus Washington. Aber ihm ist klar: "Meine Skulpturen funktionieren nicht in Museen oder Galerien. Das wäre so, als ob man einen Feuerwerkskörper ins Wasser steckt und ihm sagt: Explodiere!"

"The last Graffiti Artist", Malmö (2008)

"Symmetry Series #1", Fuerteventura (2008)

"Embed #4", Washington (2006)

"Embed #2", Washington (2006)

"Under the Rainbow", Malmö (2008)

Nick Georgiou, 27, formt seine Tierskulpturen aus alten Zeitungen. "Am Anfang war der Baum, dann kam das Papier und dann die Skulptur", erzählt der New Yorker Filmemacher und Künstler. "Das Internet tötet Bücher und Zeitungen.

Sie werden zu Artefakten des 21. Jahrhunderts.

Meine Arbeit ist dabei wie ein evolutionärer Prozess: Es geht mir um Reinkarnation und Recycling.

Das gedruckte Wort stirbt nicht aus, sondern wird als Kunst wiedergeboren."

In New York: "Untitled" (2007), "The Gloamer" (2007, unten links), "Powder Monkey" (2008, unten rechts)

Brad Downey, 28, verfremdet Stadtmöbel und die öffentliche Infrastruk tur: Mithilfe eines Teppichmessers wird aus den Markierungen des Fahrradwegs ein Kunstwerk, aus Bau zäunen ein Kartenhaus. Früher trug der US-Künstler dabei eine Bauarbeiterjacke: "Das war die perfekte Tarnung. Aber ich will mich nicht mehr verstecken. Ich will ehrlich sein mit mir und meiner Arbeit."

"Broken Bike Lane", Berlin (2008)

"Ladder-Stick-Up", Aberdeen (2007)

"House of Cards I", Berlin (2007)

"Auto-Created", Berlin (2008)

Filthy Luker, Mitte 30, hat aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht - seine Firma realisiert aufblasbare Skulpturen für kommerzielle Kunden. "In meinem Job dekoriere ich", erzählt der gebürtige Brite und angebliche Ex-Mitbewohner von Graffiti-Legende Banksy, "warum sollte ich damit in meiner Freizeit aufhören? Meine Skulpturen verschönern die banale Umgebung. Und sie bringen die Menschen zum Lachen und Nachdenken - es wäre also unverschämt, es nicht zu tun."

"Trees are People too", Maubeuge (2008)

"Mud-life Crisis", Glastonbury Festival (2007)

"Caution: Major Fuck-ups ahead", Bristol (2008)

Krystian Czaplicki/Truth, 24, fasziniert die spirituelle und intellektuelle Stärke geometrischer Formen. "Die Stadt ist für mich eine große, dreidimensionale Leinwand", meint der polnische Künstler, der in Breslau Iebt und arbeitet. "Ich möchte die konstruktivistische und minimalistische Kunst in Stadtpilze, fremdartige Objekte und skulpturale Unfälle verwandeln."

"Untitled", London (2008)

"Untitled", Breslau (2008)

"Untitled", Warschau (2006)

Slinkachu, 30, spielt Gott in London.

Der britische Designer bemalt und inszeniert Modelleisenbahnfiguren im öffentlichen Raum und erschafft damit eine eigene Miniaturwunderwelt. "Meine Figuren stehen für die Isolation und Einsamkeit in Großstädten", sagt er. "Und ich mag den Gedanken, dass fast niemand meine Arbeiten sieht. Denn wir alle ignorieren absichtlich oder unabsichtlich vieles, das uns in einer Stadt umgibt." Mit der Polizei hatte er nur einmal Ärger: "Ich hatte eine große Tube Sekundenkleber in der Hand und wollte gerade eine Figur anbringen - da näherte sich ein Polizist und stellte mich zur Rede." Aber der Beamte hatte nur gedacht, einen Klebstoffschnüffl er in flagranti zu erwischen.

"Stubbed out", London (2006)

"Graffiti, Inner City Snail Project", London (2008)

"Drain Guy", London (2007)

"They're not Pets, Susan", London (2007)

Sam3, 28, hat Kunst studiert und verdient sein Geld als Bauzeichner.

Seine Skulpturen entstehen mit geringsten Mitteln: Aus alten Kartons bastelt er Überwachungskameras, und mit Plastikflaschen verwandelt er Autos in Ratten. "Unsere Gesellschaft braucht dringend neue Ideen, um der dunklen Zukunft zu entkommen", sagt der spanische Künstler, "und Kunst ist dafür der beste Ausweg."

"The Ratcar", Bukarest (2008)

"The Nest/Iron Egg", Berlin (2008)

"The Car dboard", Zaragoza (2007)

"Security Notice", London (2007, links und oben)

Harmen de Hoop, 49, realisierte seine ersten illegalen Arbeiten im öffentlichen Raum bereits im Jahr 1985 - als noch niemand über das Phänomen Street Art sprach. "Ich wollte nicht wie Julian Schnabel oder Jeff Koons werden", meint der studierte Architekt aus den Niederlanden. "Ich fand diese großen Egos der Kunstwelt furchtbar. Deshalb habe ich auch immer anonym gearbeitet und niemandem erzählt, wo sich meine Arbeiten befinden." Seine Interventionen sind symbolische Angriffe auf die Funktionalität und Ordnung der Stadt. "Alle meine Arbeiten transportieren politische, soziale und philosophische Ideen - aber ich mag keine offensichtliche politische Kunst. Diese Künstler sind meist naiv. Mir geht es um den authentischen Moment - meine Arbeiten sind ein unprätenziöser, persönlicher Dialog mit Passanten."

"Sandbox", Amsterdam (1996)

"For free!", Rotterdam (2005)

"Damen/Herren #1", Berlin (1993)