Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 90-91

Intimer Blick auf Katastrophen

Von Heinz Peter Schwerfel

Aufnahmen der französischen Fotografin im Jeu de Paume

PARIS: SOPHIE RISTELHUEBER

Seit einem Vierteljahrhundert fotografiert die Pariserin Sophie Ristelhueber in ihrem ganz persönlichen, von allen Emotionen befreiten Stil jene Zerstörungen, die der Krieg in Beirut, Kuwait, Bosnien oder im Irak hinterlassen hat. Fälschlich wurde sie daher in die Richtung einer Kriegsberichterstatterin interpretiert, wogegen sie sich wehrt: "Der Verbrauch von nur bis zu drei Filmen für die anschließende Arbeit, die bis zu zwei Jahren in Anspruch nehmen kann", stehe im Widerspruch zur Arbeit eines "seine Dokumente zusammentragenden Fotografen".

Daneben zeigt sie auch zerstörte Körper, die von alltäglicher Gewalt in Großstädten erzählen, aber auch von Krankheit und dem Kampf ums Überleben.

"Ich hege eine Obsession für Spuren, Narben, sei es auf Körpern oder als Striche in der Landschaft." Allesamt intime Bilder von Natur- oder Körperlandschaft, meist großformatig, oft schwarzweiß. In ihren künstlerischen Abstraktionen schrecklicher Katastrophen verzichtet die Fotografin auf Spektakel, Horror und Effekt und vermeidet leicht zu schürende Emotionen.

Zum ersten Mal wird Ristelhueber, Jahrgang 1949, jetzt auch in ihrer Heimatstadt mit einer großen Ausstellung gefeiert.

Im Pariser Museum Jeu de Paume wird ein Bogen geschlagen von den frühen Fotos städtischer Ruinen aus den ersten Jahren des libanesischen Bürgerkriegs ("Beirut", 1984) bis zu den Farbabzügen von Fotos brutaler Wegblockaden und willkürlicher Grenzziehungen auf der israelisch-palästinensischen Westbank ("WB", 2005).

International bekannt wurde sie durch "Tatsache" (1992), in Kuwait sechs Monate nach Kriegsende fotografierten Luft- und Bodenaufnahmen von Überresten des Golfkriegs - Schützengräben, Panzerpisten, Bombenkrater oder ausgebrannte Fahrzeuge. Sie begab sich auf eine Spurensicherung, die den Betrachter physisch beanspruchen kann. Ähnlich wie die in zwei Pariser Krankenhäusern entstandene Serie "Every One", auf fast drei Meter aufgeblasene Aufnahmen von genähten oder geklammerten Narben menschlicher Körper, die existenzielle Fragen nach Opfer, Täter, Krieg und Schicksal stellen.

Termin: 20. Januar bis 22. März 2009.

Katalog: 42,50 Euro. Internet: www.jeudepaume.org

Bildunterschrift:

"Every One" (180 x 270 cm), Foto von 1994

"Beirut" (18 x 24 cm), Aufnahme von 1984