Ausgabe: 01 / 2009
Seite: 86
Zwischen Blutopfer und Fertigmahlzeit
Von Adrienne Braun
Das ZKM untersucht die Verbindung von Glauben, Propaganda und Massenmedien
KARLSRUHE: MEDIUM RELIGION
Handelt es sich beim Glauben um eine reine Privatsache? Nein, meint der Kunstwissenschaftler Boris Groys. Die Religion wurde längst durch die Massenmedien erobert. Mit Videos und technisch reproduzierten Bildern werden ihre Botschaften in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht - oft auch zu Propagandazwecken. Diesem Phänomen geht die Ausstellung "Medium Religion" nach, die Groys mit Peter Weibel für das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe entwickelt hat. Hier treffen sich Kunst und Lebenswirklichkeit: So werden Beispiele gezeigt, wie sich radikaler Islam oder evangelikale Kirche heute in den Medien darstellen. Sie werden flankiert von künstlerischen Beiträgen, die die Religionen hinterfragen.
In Zeiten des Karikaturenstreits und des religiös begründeten Terrors klingt das nach einem explosiven Thema. Aber Groys erwartet keine Skandale, da die Ausstellung keine "direkten Attacken" auf Religionen formuliere und die künstlerischen Arbeiten zudem aus dem Kontext der jeweiligen Kulturen und Länder kämen.
Die mehr als 20 Künstler reagieren auf ganz unterschiedliche Weise auf das "religiöse Propagandamaterial" (Groys).
"Mich hat beeindruckt, wie hoch der Grad der Reflexion ist", sagt er, "wie kritisch die zeitgenössische Kunst etwa mit Bildern des heutigen Islam umgeht." In dem Video "The Sleep of Reason.
This Blood Spilled in My Veins" (2002) zeigt der libanesische Künstler Jalal Toufic, wie Tiere in einem schiitischen Ritual geopfert werden. Der in New York lebende Paul Chan hingegen abstrahiert: In Anspielung auf den Terroranschlag vom 11. September fallen in seinem Video "1st Light" (2005) die Schat ten von Körpern nicht nur abwärts, sondern steigen auch gen Himmel auf. Um das Gefälle zwischen göttlicher Botschaft und Alltag geht es Wael Shawky aus Ägypten in "The Cave" (2006): Er geht durch einen Supermarkt und zitiert dabei Koranverse, um auf das Verhältnis zwischen Religion und Kapitalismus hinzuweisen.
Termin: bis 19. April 2009. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, erscheint Anfang 2009.
Internet: www.zkm.de
Bildunterschrift:
"1st Light" (2005), eine digitale Videoprojektion des in Hongkong geborenen Amerikaners Paul Chan
