Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 121

Versunkenes Wunderland

Von Alfred Nemeczek

Eine Fotochronik der deutschen Nachkriegsjahre

BUCH DES MONATS

Nachkriegsdeutschland im Aufwind: Die Trümmer sind geräumt, die Hungerjahre durch Währungsreform beendet, und eine vom Koreakrieg genährte Boomphase der Weltwirtschaft beschleunigt im Westen der geteilten Nation das Wachstum. Die Rückkehr zur Normalität, ja selbst "Wohlstand für alle" (Ludwig Erhard), scheinen in greifbare Nähe gerückt. Diese sprichwörtlichen "Wirtschaftswunder"-Jahre von 1952 bis 1967 dokumentiert ein kapitaler Bildband mit 218 Aufnahmen des prominenten Bonner Fotojournalisten Josef Heinrich ("Jupp") Darchinger, 83.

Brillante Großbildtechnik und professionelles Gespür für das Exemplarische im scheinbar Banalen verleihen diesen Blicken in die Wohnzimmer, Schulen, Fabriken, Krankenhäuser und Polit- Zentren der Adenauer-Zeit ein Flair unbestechlicher Authentizität.

Auswahl und Kommentierung der Motive durch den Herausgeber Frank Darchinger, 59, und den Fotografie-Experten Klaus Honnef, 68, stellen das "Wunder" freilich in Frage. Wurden nicht schon damals Kriegsopfer benachteiligt, kleine Kaufleute und Handwerker ruiniert, unwirtliche Schlafstädte hochgezogen und historische Stadtkerne dem Auto zuliebe planiert? Bereits damals, meint Honnef, entstand die von den Achtundsechzigern attackierte "Zweidrittelgesellschaft". Jüngere Betrachter, räumt er ein, könnten in Darchingers Chronik aber auch ein "merkwürdig unwirkliches Land" mit "Zügen des Exotischen" entdecken. Ein nostalgisches Terrain ohne Taschenrechner, Kopierer, Kühlkost, Pille und Feinstrumpfhose vor dem Aufbruch ins Paradies der Supermärkte, Discos, Handys, iPods und Flatrates.

Bildunterschrift:

Deutsches Familienleben im Reihenbungalow, Frankfurt 1964

Josef Heinrich Darchinger:

Wirtschaftswunder. Taschen Verlag.

290 S., 265 Abb., 29,99 Euro.

Collector's Edition mit Print, 1000 sign. und num. Ex., 400 Euro