Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 82-83

Vom Seelenleben des Fridericianums

Von Michael Kohler

Der Schweizer beschäftigt sich mit dem klassizistischen Ausstellungsgebäude

KASSEL: CHRISTOPH BÜCHEL

Seit seiner Fertigstellung im Mai 1779 behauptet sich das Kasseler Fridericianum als feste Burg der aufgeklärten Öffentlichkeit. Landgraf Friedrich II. ließ es im frühklassizistischen Stil erbauen und machte seine Kunst- und Wissensschätze für die Allgemeinheit zugänglich.

Nach einem Zwischenspiel als napoleonisches Parlament wurde es wie- der zum Museum umgewidmet, bevor das im Zweiten Weltkrieg ausgebrannte und in den fünfziger Jahren rekonstruierte Fridericianum als Haupthaus der Documenta seine jetzige Bestimmung fand.

Zwischen den Weltkunstausstellungen wird es seit 1988 zudem als ständige Kunsthalle genutzt - in diesem Jahr zum ersten Mal unter der künstlerischen Leitung des aus Rotterdam gekommenen Rein Wolfs. Zum Einstand hat sich Wolfs ein spannendes Experiment ins Haus geholt, das die Geschichte des Fridericianums in einer raumgreifenden Installation thematisiert: Die gesamte, etwa 2000 Quadratmeter umfassende Ausstellungsfl äche wird der Schweizer Künstler Christoph Büchel mit einem seiner lebensechten, den Seelenzustand von Bewohnern und Institutionen repräsentierenden Raum modellen füllen.

Der Ausstellungstitel "Deutsche Grammatik" leitet sich vom gleichnamigen Werk Jacob Grimms her, der den ersten Band im Fridericianum verfasste. Statt einer ordnenden Anstrengung sollte man aber eher einen kritischen Abgleich der hier verewigten Ideale mit den heutigen Verhältnissen erwarten. Stets passt Büchel seine Installationen dem konkreten Raum an, um diesen dann in einen Hindernisparcours zu den Rändern der Gesellschaft zu verwandeln. So richtete er im Mön chengladbacher Museum Abteiberg eine von Müllbergen gesäumte Flüchtlingsbaracke ein, während das Münchner Haus der Kunst einen beklemmenden Schutzraum in sich aufnahm. Büchel weiß virtuos auf der Klaviatur öffentlicher Aufregung zu spielen. So bei einer für Zürich geplanten Ausstellung: Büchel, mit dem Schweizer Manor-Kunstpreis geehrt, wollte im Helmhaus einen Scheck über das Ausstellungsbudget von 50 000 Franken verstecken und die Besucher zur Schatzsuche bitten. Er wollte so das System "Kunst = Kapital" bloßlegen. Da der Zürcher Stadtpräsident maximal 20 000 Franken spendieren wollte, sagte Büchel die Schau ab.

"Gute Kunst", schreibt Rein Wolfs, "ist schön und auch nicht schön, aber immer wirksam."

Termin: 5. September bis 16. November.

Internet: www.fridericianum-kassel.de

Bildunterschrift:

Christoph Büchel: "Deutsche Grammatik", Ausschnitt aus dem Künstlerbuch, das zur Ausstellung erscheint