Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 84
Das Treffen der toten Schüler
Von Gerhard Mack
Eine Werkschau des polnischen Theatermachers und Künstlers im Migrosmuseum
ZÜRICH: TADEUSZ KANTOR
Wer sich in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Theater auseinandersetzte, kam an Tadeusz Kantor (1915 bis 1990) nicht vorbei. Der Pole, der von Krakau aus die europäische Theaterwelt eroberte, war so etwas wie das Rückgrat nicht nur des polnischen Theaterwunders, er inspirierte auch viele freie Theatergruppen bis in die USA, welche die Grenzen zwischen Kunstperformances und einstudierten Inszenierungen fließend werden ließen. Selbst ein Peter Brook fühlte sich angesprochen, wenn Kantor formulierte:
"Nicht das Kunstwerk als Produkt ist wichtig, sondern der Entstehungsprozess selbst, der geistige und see lische Aktivitäten freisetzt." Die Direktorin des Zürcher Migrosmuseums, Heike Munder, ist von diesem Prozessdenken Kantors fasziniert. "Damit ist er ein Vorläufer vieler Künstler heute, auch wenn deren Werke ganz anders aussehen", sagt sie. Sie stellt deshalb in ihrer offen gebauten Werkausstellung Dokumente ins Zentrum, die diesen Gedanken der Bewegung und des Lebens am direktesten bezeugen: Dazu gehören die todver liebten Installationen "Die tote Klasse", - Kantor konfrontiert vergreiste, gestorbene Mitschüler mit Marionetten, die sie selbst kurz vor dem Abitur darstellen - vor allem aber über 60 neu gefertigte Abzüge von Fotografien Eustachy Kossakowskis (1925 bis 2001). Der polnische Fotograf hat Kantors Happenings jahrzehntelang dokumentiert, dank beharrlicher Zusammenarbeit mit dem Kossakowski-Archiv ist das einzigartige Zeugnis in Zürich zum ersten Mal so umfangreich zu sehen.
Dazu kommen Filmaufnahmen von Kantors Performances und Theaterauftritten.
Die Leichtigkeit, mit welcher der Künstler Gattungen überwand und Elemente aus einer Form in die andere umdefi nierte, zeigt die Ausstellung anhand des Theaters. Die Koffer, die Rucksäcke und Mäntel, die Kantor gerne als Requisiten auf der Theaterbühne verteilte, behandelte er später im Kunstkontext als Objekte, die fast die Rolle von Persönlichkeiten spielen.
Termin: 30. August bis 16. November.
Internet: www.migrosmuseum.ch
Bildunterschrift:
Mitschüler als Marionetten:
Installation "Die tote Klasse" von 1989
