Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 38-45

Die Sehnsuchts-Schnitterin

Von Susanne Altmann

Mit der altertümlichen Technik des Scherenschnitts entwirft die Leipziger Künstlerin Annette Schröter Zwitterwelten aus Folklore und Globalisierung. Nostalgische Motive wie Fachwerkhäuser oder Trachten kombiniert sie mit Graffiti, Mustern aus Firmenlogos oder Vandalismusspuren und beraubt sie damit ihrer verklärenden Wirkung

Dort ein Häkeldeckchen, da ein schwarzes Spitzendessous, hier Märchenfiguren in Laub sägetechnik, da kleinteiliger Plastikkram, Tapetenreste in den abenteuerlichsten Mustern und dazwischen immer wieder Zeitungsfotos mit Arbeiterdenkmälern, Schäferhunden und Volkstrachten. Annette Schröters Atelier in einem Leipziger Hinterhofgebäude gleicht einer privaten Wunderkammer. Und tatsächlich besorgt sich die Künstlerin ihre Inspirationen bevorzugt auf Flohmärkten, sammelt bizarre Exponate wie andere Leute teures Porzellan oder Gemälde.

Viele der Fundstücke aus der bunten und billigen Alltagswelt tauchen später als Zitate in Annette Schröters monumentalen Scherenschnitten auf - ihre Farbigkeit haben die Motive dann allerdings abgestreift. Wie in klassischen Silhouettenbildern herrscht hier strenges Schwarzweiß.

Noch bis vor rund sieben Jahren galt die gebürtige Meißnerin als ausgewiesene Malerin - mit starkem Hang zu fast psychedelischen Farbspielen.

Davon zeugen dick gespachtelte Leinwandorgien mit Rosengärten, Trachtenfiguren oder wild turnenden Kindern.

Ein Wasserschaden im Atelier gab dem Werk der heute 52-Jährigen dann eine überraschende Wende. Weil sie durch diesen Unfall ihren Arbeitsplatz zeitweise ins Wohnzimmer verlagern musste, verboten sich die gewohnten intensiven Panschereien in Öl. Eine saubere Tätigkeit musste gefunden werden, und so entdeckte Annette Schröter den Papierschnitt für sich. Den gewaltigen Formaten blieb sie dabei allerdings treu. Selten arbeitet sie unter Abmessungen von rund zwei mal zwei Metern.

Von außen muten das filigrane Gitterwerk und die komplizierten Binnenmuster, die charakteristisch für die feine Schnitttechnik Schröters sind, wie eine Sisyphosarbeit an. Doch die aparte Frau mit Cuttermesser und Schere attestiert der akribischen Technik eher ein rauschhaftes Suchtpotenzial.

Die Handgriffe wiederholen sich, Signets und Logos formieren sich zu kunstvollen Arabesken, etwa als Hin tergrund für eine Kamelkarawane.

Die Markenzeichen von Aldi, Toyota, McDonald's oder der Deutschen Bank verlieren in der Musterwiederholung ihre Bedeutung und werden zu reiner Struktur. Ornament ist im Werk dieser Schnittmeisterin alles andere als ein Verbrechen - es ist das Lebenselixier ihrer Bilder.

Anfangs überführte sie noch Themen aus ihrer Malerei in die Welt der scharfen Schatten. Wie in den Ölbildern von 2001 thronen dann majestätische Dorfschönheiten in kunstvollen Volkstrachten und gestärkten Hauben im Bildzentrum. Schließlich stammt Annette Schröter aus Sachsen, dem Kernland von sorbischer Folklore und erzgebirgischer Klöppelspitze. Doch schon bald mixte sie ihre Liebe zu Volkskunst und Tradition mit aktuellen Referenzen - nicht nur als flirrende Logo-Tapeten.

So entdeckte sie vor einigen Jahren die Sprache der Graffiti für sich.

Auf Streifzügen in die Leipziger Vorstädte fotografierte sie auf Brachflächen Wildwuchs und Wandmalereien und zitierte diese dann in ihren Cut- Outs. Beispiel einer solchen Synthese von Tradition und Gegenwart ist ein lauschiger Erkergiebel im Heimatstil, bei dem sich unterhalb des Fachwerks die romantische Fassade in brachiale Sprühformen auflöst und nach unten tropft. Dieses Sujet fand die Künstlerin allerdings nicht in Leipzig, sondern in Bern, wo sie eine Ausstellung vorbereitete.

In der Schweizer Stadt faszinierte sie der Kontrast zwischen der puppenstubenhaft heilen Tourismuswelt und der harten Drogenrealität gleich daneben. Das Bild vom gemütlichen Mitteleuropa zerfließt und taugt nicht mehr als Projektionsfläche für Sehnsüchte - auch nicht für ihre eigenen, wie sie melancholisch zugibt.

Noch politischer ging Schröter in ihrem Zyklus "Frauen in Waffen" vor, den sie 2003 begann. Als militante Schwestern der Trachtendamen kamen nun verschleierte Moslemfrauen mit diversen Schießgeräten ins Spiel. Zwischen geschmückter Weiblichkeit und finsterer Drohgebärde ergibt sich ein ambivalentes Szenario vom Kampf der Kulturen.

Wenige Kollegen aus der gepriesenen Leipziger Malerschule würden sich an derart zeitnahen Inhalten vergreifen.

Vielleicht sitzt bei denen die Angst vor dem Propagandavorwurf, der einst die Figurationen des sozialistischen Realismus traf, noch zu tief.

Annette Schröter lässt das unbeeindruckt - zwischen ihrem Figurenpersonal und dem der Leipziger Jungstars liegen Welten: "Ich kann deren Lebensgefühl nicht nachvollziehen und das vielgepriesene akademische Handwerk finde ich eher selten." Solche kritischen Töne spiegeln wohl weniger einen Generationskonflikt wieder, noch sind sie als pure Lästerei zu verstehen.

Sie resultieren vielmehr aus einem Nachdenken über den Standort Leipzig als Sprungbrett in Richtung Kunstmarkt.

Seit Herbst 2006 unterrichtet Annette Schröter hier selbst als Malereiprofessorin, und dabei bemerkte sie mit Unbehagen, wie schwer es ihren Studenten fällt, sich vom Schlagschatten des so obskuren wie übermächtigen Labels der Neuen Leipziger Schule zu befreien:

"Die Studierenden müssen einen großen, unbeweglichen Rucksack mit sich herumschleppen. In der Szene wird ja nur noch über den Markt und über Preise gesprochen. Eigentlich sollten Galeristen den Akademierundgängen künftig fernbleiben." Diesen Rucksack aus Erwartungen und Vorurteilen will sie leeren und ermutigt auch zu radikalen Medienwechseln: Dass dies dem Erfolg nicht im Wege stehen muss, dafür sei sie selbst das beste Beispiel. Ihre aktuellen Werke befinden sich in renommierten Häusern wie der Sammlung Essl bei Wien oder des Leipziger Museums der bildenden Künste.

Die ses widmet ihr ab September eine Einzelausstellung.

Ganz reibungslos verlief Annette Schröters beherzter Bruch mit der Malerei freilich nicht. Ihre langjährige Hamburger Galerie kündigte angesichts der neuen Scherenschnitte kurzerhand die Zusammenarbeit auf. "Da gab es weder Verständnis noch Vertrauen - nur Ablehnung für das vermeintliche Kunstgewerbe, das ich da plötzlich machte", erinnert sich die Künstlerin heute bitter. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits mehrfach erprobt, wie man Neuanfänge produktiv nutzt. 1985 war sie mit ihrem Mann, dem Fotografen Erasmus Schröter, aus der DDR in die Bundesrepublik ausgereist. Als 30-Jährige fing sie dort bei Null an, malte ihre Bilder, übte sich in Geduld und fand schließlich eine Galerie. Nach zwölf Jahren dann ein erneuter Kaltstart: 1997 beschließt das Paar, in die alte Heimat Leipzig zurückzukehren. Dort hatten sich beide Künstler während des Studiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst kennen gelernt und 1980 geheiratet.

Annette Schröter studierte von 1977 bis 1982 bei Bernhard Heisig und seinem damaligen Assistenten Sighard Gille. Den schätzt sie noch heute sehr und findet, dass sein Einfluss angesichts des Rummels um die Lehrerqualitäten von Arno Rink und Neo Rauch unterschätzt wird. Bei Gille habe sie Disziplin gelernt, die Lust an heftigen Farben und schrägen Menschenbildern.

Das jahrzehntelange Zusammenleben mit einem Fotografen schärfte dagegen ihren Blick für Details, für Überraschungen im banalen Alltag, für Licht und Schatten. Seit ein paar Jahren inszeniert das Ehepaar auch Doppelporträts im Häschenkostüm - Hand in Hand oder mit Gewehr in der Hand stehen zwei Kuscheltiere auf einem Berg und vor Betonblocks oder verweilen vor romantischen Landschaften.

Dieser Schabernack namens "Hasenland" wirkt wie das Symbol einer bewegten, gleichviel unerschütterlichen Partnerschaft, die auch nach Jahrzehnten ein gemeinsamer Sinn für Humor verbindet. "Das Zusammenleben ist zwar genauso kompliziert wie bei allen anderen, aber häufig wissen wir als Künstler ganz genau, was der Partner meint. Wir helfen uns dauernd - nicht nur, weil ich seine Ausrüstung trage und er mein Chauffeur ist." Aber die komischen Szenen sind nicht nur Beweis einer guten Ehe, sondern haben auch die Funktion einer bewussten Auszeit vom ernsthaften Kunsttagewerk.

Allerdings bleibt auch in Annette Schröters täglicher Scherenschnittpraxis eine verträumte Kinderwelt nicht vor der Ateliertür. Bisweilen verwendet sie Märchenfiguren im Disneystil, stellt ein Schneewittchen nebst Zwerglein zu den Schwestern aus der westlichen und östlichen Trachtengruppe.

In dieser Gesellschaft, zwischen Spitzenmieder und Tschador, wirkt die muntere Szene dann eher wie der Alptraum eines Kinderpsychologen, und Annette Schröters Schere ist wieder einmal haarscharf und punktgenau an der Volkskunst vorbeigezischt.

Ausstellung: 4. September bis 23. November, Museum der bildenden Künste Leipzig. Internet: www.mdbk.de Galerie: Kleindienst, Leipzig. www. galeriekleindienst.de Literatur: Annette Schröter.

Papierschnitte 2002-2005. Hasenland, beide Galerie Kleindienst Leipzig, 2006 und 2005. Annette Schröter: In Tracht. Passage-Verlag 2006

Bildunterschrift:

Annette Schröter in ihrem Leipziger Atelier (Foto: Jörg Gläscher)

Hier wacht die Kunst! Der deutsche Schäferhund als Beobachter des "Kleinen Fachwerks" (2007, 130 x 130 cm)

Verfremdete Frauenbilder beschäftigen Annette Schröter in ihren Ölgemälden von Mädchen in Trachten (2001/05). In dem zisiliert geschnittenen Porträt einer Dschihad-Kämpferin ("Frau in Waffen", 2003, 250 x 185 cm) stößt islamisch geprägte Ornamentkunst auf die Angst vor Terror

Die zerstörte Behaglichkeit der Vororte: "Wildwuchs 6" (2007, 240 x 270 cm)

Malstil und Farbwahl lassen die großköpfigen Kinder zu unheimlichen Monsterpuppen werden

("Turnen XIII" und "XI", 2000, je 180 x 200 cm)

In Annette Schröters Motiven zerfließt das Bild vom gemütlichen Mitteleuropa und taugt nicht mehr als Projektionsfläche für Sehnsüchte