Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 30-37

Im Land der aufgehenden Kunst

Von Barbara Hein

Bis vor einigen Jahren besaß Tokio weder eine Galerienszene noch ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Parallel zu dem neu gebauten Museumsviertel "Midtown" im Herzen der Stadt etabliert sich eine junge Künstlergeneration mit spannender Kunst und neuen Lokalitäten

Wie ein Labyrinth sieht Tokio aus dem 52.

Stock des Roppongi Hills Mori Tower aus:

Dicht drängen sich Wohnblocks und Bürotürme bis zum Horizont. In rund 220 Metern Höhe thront das Mori Art Museum über der Stadt. Von hier aus erscheint der Moloch undurchdringlich, nur wenige Stadtautobahnen schlagen Schneisen durch den Betondschungel.

Die 35-Millionen-Metropole ist in den vergangenen 150 Jahren rasant und wild gewachsen. Gebaut wird so schnell wie abgerissen. Und so wurde vor gut einem Jahr ein neuer Stadtteil im Herzen der Stadt eröffnet: "Tokyo Midtown", aus dem Boden gestampft in 22 Monaten auf 78 000 Quadratmetern. Der Plan entstand 2000, als das Verteidigungsministerium das Zentrum verließ. Das Großprojekt "Urban Revitalization" wurde ins Leben gerufen und von sechs japanischen Firmen realisiert: ein Erholungsgebiet mit Parks, Geschäften, Büros, Museen, Hotels, Restaurants und Woh nun gen. Durch die Panoramascheiben des Roppongi Hills Mori Tower scheint Midtown zum Greifen nah: Wie ein Bergmassiv aus Glas, Stahl und gelbem Stein erheben sich die sechs Gebäude des Komplexes, die von Stararchitekten wie Tadao Ando oder Kengo Kuma entworfen wurden, aus dem Häusermeer. Er beherbergt drei Museen für Kunst und Design: "Suntory Museum of Art", "Tokyo Midtown Design Hub", "21_21 Design Sight", einen Skulpturenpark und in direkter Nachbarschaft das "National Art Center, Tokyo" (NACT). Damit rüstet die japanische Hauptstadt in Sachen zeitgenössischer Kunst und Design gewaltig auf.

Zwar erzielen japanische Allstars wie Takashi Murakami, Yoshitomo Nara, Hiroshi Sugimoto oder Nobuyoshi Araki auf dem inter nationalen Markt längst Höchstpreise. Der heimische Markt gerät aber erst jetzt in Bewegung, weil die japanische Kunstszene bis vor einigen Jahren noch grundlegend anders funktionierte. Die Japaner adaptierten zwar bereits im 19. Jahrhundert die europäischen Erfindungen von Museen und Galerien, aber die Vorstellung von Werteer halt für zeitgenössische Kunst für nachfolgende Generationen blieb ihnen lange fremd.

Vom Mori Tower nach Midtown sind es mit der U-Bahn nur wenige Haltestellen. Vor dem "Suntory Museum of Art" warten Besucher in Schlangen auf Einlass. "Seit wir nach 36 Jahren im Randgebiet hierher gezogen sind, haben sich die Besucher auf eine halbe Million pro Jahr verfünffacht", erzählt Kuratorin Nobue Mito in einem strahlend weißen Konferenzraum. "Vorher lagen die Museen verstreut, jetzt gibt es ein Zentrum.

Es ist, als habe man die Kunstszene aus einem Dämmerschlaf gerissen." Auch die Ausstellungssujets haben sich verändert.

Zeigte das "Suntory Museum of Art" früher fast nur japanische Kunst, liegt nun der Schwerpunkt auf Kulturvermittlung, etwa wenn man Henri de Toulouse- Lautrec japanischen Farbholzschnitten gegenüber stellt.

Aber nicht überall in Midtown herrscht Euphorie. Ein paar Straßen weiter im spektakulären Neubau des staatlichen Kunstmuseums NACT von Kisho Kurokawa sitzt Hanako Nishino, eine zierliche Frau von Ende 30 mit Pagenschnitt.

Bevor sie ansetzt, blickt sie scheu zu ihrer Pressesprecherin:

"Selbst kuratierte Schauen wären ein Traum", sagt sie in leisem Englisch. Sie ist Kuratorin am NACT.

"Unser Budget ist für Leihgaben viel zu gering, das können sich nur private Museen wie Mori oder Suntory leisten." Tatsächlich verfügen staatliche Institutionen über äußerst geringe Budgets. Das NACT muss sein Geld durch Vermietung von Ausstellungsfläche verdienen. Deshalb hat es zehn Säle, die an Vereine und Firmen vermietet werden.

"Wir bemühen uns um Qualität, aber die ist nicht immer zu gewährleisten", so Nishino. Für die japanisch-reservierten Verhältnisse ein verblüffender Satz offener Systemkritik.

Ausstellungen mit Kunst von internationalem Rang sind nur mit Sponsoren, meistens Verlagshäuser oder Brauereien, möglich. "Sie treten mit einer Idee an uns heran, die wir prüfen", erklärt Nishino. "Wir kümmern uns um Leihgaben und Hängung. Meistens sind das Blockbuster-Schauen, wie Dalí, Picasso oder Impressionisten, zu denen mehrere Millionen Besucher kommen. Den Firmen geht es um den Ticketpreis, davon bekommen sie den größten Teil. Wir verdienen kaum etwas." Die Pressesprecherin sitzt reglos da neben und lächelt. Vielleicht versteht sie zu wenig Englisch, um den Kuratorin Einhalt zu gebieten. Zugeben könnte sie es nicht, es würde nach den strengen Konventionen einen Gesichtsverlust bedeuten. Auf die Frage, warum man das Museum nicht privatisiere, antwortet Nishino, dass sie vermute, Tokio unterhalte ein staatliches Kunstmuseum aus Prestigegründen.

Eine Schau der Superlative wird derweil im Mori Tower gehängt: rund 140 Werke von 60 Künstlern der Größenordnung Chuck Close, Damien Hirst, Gerhard Richter, Andreas Gursky, Lucian Freud. Gezeigt wird eine Auswahl der UBS-Kunstsammlung. Hier wäscht eine Hand die andere: Yoshiko Mori, die Ehefrau des Immobilien-Tycoons Minoru Mori, berät die Schweizer Bank, wenn es um Kunstankäufe aus Fernost geht, und UBS möchte hier neue Bankkunden gewinnen.

"Diese Schau ist für uns eine gute Gelegenheit, internationale zeitgenössische Kunst ersten Rangs zu zeigen", sagt Eriko Osaka, die künstlerische Direktorin des Hauses. "Die japanische Öffentlichkeit interessiert sich erst seit wenigen Jahren dafür." Es sei ein Leitgedanke des Mori Art Museum, dieses Interesse zu fördern. "Für kritische Themenschauen, wie sie in Europa und den USA üblich sind, ist Japan noch nicht reif. Wir müssen uns auf die Vermittlung konzentrieren", so Osaka.

Das Museum hat vor zwei Jahren begonnen, eine eigene Sammlung zeitgenössischer asiatischer Kunst anzulegen.

"Durch die Globalisierung werden japanische Künstler immer mehr von Europa und den USA beeinflusst. Und sie drängen auch auf diese Märkte. Momentan werden sehr viele Galerien hier gegründet, die sich darauf spezialisieren, und wir sind in Kontakt mit ihnen." Es ist kein Zufall, dass sich am Fuß des Mori Tower einige solcher Galerien angesiedelt haben. Tsutomu Ikeuchi betreibt im dritten Stock eines schlichten weißen Hauses die "Röntgenwerke AG". "Der deutsche Name klingt exotisch, besonders durch das O mit den zwei Punkten", erklärt er seine Namenswahl. "In den Neunzigern war Galerist ein brotloser Job für Idealisten", sagt er, "aber seit Murakami und Nara den Weg geebnet haben, läuft es wie geschmiert." Diese Ansicht teilen auch Tomoko Aratani und Mutsumi Urano, die seit einem Jahr eine der angesagtesten Galerien der Stadt führen: "Arataniurano". "Früher waren Galerien in Japan Räume, die Künstler mieten konnten, um ihre Arbeiten auszustellen. Sie mussten alles selber machen: Verkauf, Vermittlung und Werbung. Das war teuer und unergiebig", erzählt Mutsumi Urano in einem winzigen Raum hinter ihrem ebenfalls nur wohnzimmergroßen White Cube. "Die Idee des Galeristen als Agent und Manager setzt sich hier erst seit zirka fünf Jahren durch." Die zwei jungen Frauen konzentrieren sich auf japanische Kunst jenseits des Murakami-Manga-Booms, der in Japan viele Nachahmer fand, und vertreten zum Beispiel Izumi Kato, den Robert Storr 2007 auf die Venedig-Biennale holte.

Seitdem sind Katos Ölbilder von naiv anmutenden Fantasiewesen Verkaufsrenner und er der Star der Szene. "Eigentlich wollte ich Rockstar werden", sagt der schlaksige 39- Jährige. Das Treffen mit ihm findet auf dem Campus der "Musa shino Art University" statt, einer von mehreren Universitäten, die unter anderem Malerei, Holzschnitt und Skulptur auf dem Lehrplan haben. Während er zielstrebig über das weitläufige Gelände geht, plaudert er:

"Seit der Biennale weiß ich endlich, dass ich kein schlechter Künstler bin. Das internationale Feedback tut gut." 1992 hat er hier seinen Abschluss gemacht - heute unterrichtet er eine Malereiklasse, die als die Guerillatruppe der Uni gilt. Sie sind aus dem Unigebäude aus gezogen und haben ihre runtergerockten Ateliers in einem abgelegenen Pavillon eingerichtet. Sie wollen mit Traditionen brechen. Was andernorts als Teenager-Antihaltung gilt, kommt im extrem traditionsverhafteten Japan fast schon einer Rebellion gleich.

Kato unterstützt seine Zöglinge, und dafür respektieren sie ihn. "Kato springt nicht auf den Manga- Zug auf und hat es trotzdem geschafft", schwärmt Fumiaki Akahane, einer der Studenten.

"Murakami und Nara sind Helden, aber leider denkt die ganze Welt, in Japan gäbe es nichts anderes." Er selbst malt großflächig mit schwarzer Ölfarbe, in die er mit wenig weißer Farbe abstrakte Formen setzt.

Er ist einer der wenigen aus dem Abschlussjahrgang, der schon von einer Galerie vertreten wird, dem "Magical Artroom".

Kato klopft ihm auf die Schulter: "Ich musste zwölf Jahre darauf warten, entdeckt zu werden", sagt er. "Das Leben als junger Künstler ist nirgendwo leicht, aber in Japan ist es besonders schwer." Auf die Frage, warum, sagt er:

"Wir sind hier auf einer Insel, die weit weg ist von Europa und den USA - und da hatte uns lange niemand auf dem Zettel. Murakami, Sugimoto, Nara haben den weiten Weg über den Ozean geebnet - und jetzt erwacht die Kunstszene langsam zum Leben."

Zeitgenössische japanische Kunst in Deutschland: Mikiko Sato Gallery, Hamburg, www.mikikosatogallery.com; Murata & Friends, Berlin, www.murataandfriends.de; Wohnmaschine, Berlin, www.wohnmaschine.de; Galerie Zink, München/Berlin, www.galeriezink.de Tokioter Kunstszene: www.tokyoartbeat.com

Bildunterschrift:

Blick über Tokio aus dem Mori Tower, in dem sich ein neues Kunstmuseum befindet

Der Eingang zum Mori Art Museum ist ein gläserner Kegel (oben).

Auf der 52.

Etage des Mori Tower führen Rolltreppen zu den Ausstellungsräumen (rechts).

Unten: "Portable City - Tokyo" von Yin Xiuzhen (2005) aus der UBS-Kunstsammlung

Am Fuß des Mori Tower steht eine der berühmten "Maman- Spider"-Skulpturen von Louise Bourgeois

Endlich gibt es ein Kunstzentrum. Mori und Midtown haben die Tokioter Kunstszene aus dem Dämmerschlaf gerissen

Im Gegensatz zu den erfolgreichen privaten Museen besitzt das "National Art Center, Tokyo" kaum Budget für Leihgaben

Im Neubau des NACT von Kisho Kurokawa gibt es außer Kunst auch Restaurants und Cafés auf mehreren Ebenen

Kunstzentrum im Herzen Tokios: Das NACT (oben) liegt zwischen Roppongi Hills und Midtown, "Suntory Museum of Art" (links) und "21_21 Design Sight" (unten) befinden sich im Midtown- Komplex

Die nächste Generation:

Musashino- Studenten Yoko Goto (oben) und Yuuki Shimizu (Mitte) und ihr Lehrer Izumi Kato (unten) hinter einer seiner Skulpturen.

Er erlebte seinen internationalen Durchbruch mit naiv anmutenden Fantasiewesen auf der vergangenen Venedig- Biennale

"Das Leben als junger Künstler ist nirgendwo leicht, aber in Japan besonders schwer", sagt Biennale-Star Izumi Kato

Neue Kunst wird zusehends schick: Eröffnung des Buchladens "Nadiff" (oben) und Vernissage in der Galerie "Magical Artroom" (unten)