Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 80
Zwei Seiten eines goldenen Jahrzehnts
Von Petra Bosetti
Gesellschaftskritische Blätter der Zeichnerin im Paula Modersohn-Becker-Museum
BREMEN: JEANNE MAMMEN
Sie war die Chronistin des Glamour der zwanziger Jahre schlechthin, einer Zeit, die nur für diejenigen golden war, die über das nötige Geld verfügten.
Jeanne Mammen (1890 bis 1976) hat in ihren Milieustudien - vor allem im Berlin der Zwanziger - beide Seiten festgehalten.
Die Damen der gehobenen Gesellschaft hatten es ihr besonders angetan: blasierte, gelangweilte, bis zur Hysterie aufgedrehte Frauen mit schicken Bubiköpfen, grandiosen Florentinerhüten, Federboas, Pelzstolen, Plüsch und Pleureusen ausstaffiert, in Begleitung von gut situierten, wohlbeleibten Herren mit Zigarre und Monokel. Jeanne Mammen recherchierte zeichnend aber auch in den unteren Rängen jener Zeit, beobachtete Tänzerinnen, Revuegirls, Varietésängerinnen oder auch Prostituierte in nicht so feinen Etablissements und Kaschemmen.
Meist skizzierte Mammen ihre Motive mit scharfem Feder- oder Bleistiftstrich und kolorierte sie dann mit flüchtigen Aquarellfarben - eine Technik, die ihre Arbeiten unverwechselbar macht. Neben ihrer Arbeit als freier Künstlerin war sie auch Modezeichnerin und Gebrauchsgrafikerin.
Ihre Werke wurden in damals populären Zeitschriften wie "Jugend" oder "Simplicissimus" veröffent licht. Als diese nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gleichgeschaltet waren, lehnte Jeanne Mammen es ab, weiterhin für sie zu arbeiten.
Danach versuchte sie sich in Experimenten mit Kubismus und Abstraktion - ihre frühere Größe hat sie nicht mehr erreicht. Das Paula-Modersohn-Becker- Museum zeigt jetzt eine große Werkschau der Künstlerin, die mit ihren Milieustudien einem George Grosz oder Otto Dix durchaus ebenbürtig ist. Eine Seite von Jeanne Mammen, die weniger bekannt ist, wird ebenfalls dokumentiert: Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Künstlerin in Paris und Brüssel gelebt - von dieser Zeit zeugen düstere, morbide Blätter, die unter dem Einfluss der belgischen Symbolisten entstanden waren und mit denen sie Werke von E. T. A. Hoffmann oder Gustave Flaubert illustrierte.
Termin: 7. September bis 23. November.
Internet: www.pmbm.de
Bildunterschrift:
Oben: Titel für die Zeitschrift "Die schöne Frau" (um 1926). Rechts:
Aquarell "Vor dem Auftritt" (um 1928, 34 x 26 cm)
