Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 79
Ein langer Sprung in die Leere
Von Gerhard Mack
Isaac Julien inszeniert das Gedenken an den englischen Künstler an zwei Orten
ZÜRICH/WIEN: DEREK JARMAN
Zwei Jahre bevor er 1994 an den Folgen von Aids starb, sagte Derek Jarman in einem Interview: "Ich möchte am liebsten ganz verschwinden, mich auflösen mitsamt allen meinen Werken." In "Blue", seinem letzten Film, zeigt der Star des britischen Independent-Films der siebziger bis neunziger Jahre, wie dieses Verschwinden aussehen könnte: 74 Mi nuten lang bleibt das Filmbild unverändert, im Blau sind nur noch Schatten zu erkennen. Ein bewegender Abschied vom Leben, der auch als Hommage an Yves Klein gedacht war, dessen (inszenierter)
Sprung in die Leere Jarman beeindruckte, weil er eine Haltung zeigte, ins Leben einzutauchen.
Dafür, dass Jarmans Wunsch nach Auflösung nicht in Erfüllung geht, sorgt nun eine Ausstellung, die der Filmer, Künstler und Jarman-Freund Isaac Julien ursprünglich für die Serpentine Gallery in London inszeniert hatte und die es nun in der Kunsthalle Zürich und der Kunsthalle in Wien - in veränderter Form - erneut zu sehen gibt. Die Ausstellung in Wien mit dem Untertitel "Brutal Beauty" stellt Jarmans monochrome Filmarbeit "Blue" und eine Super-8-Film-Installation seinen Gemälden und Assemblagen gegenüber, die teils nie gezeigt wurden.
Im Zentrum der Zürcher Ausstellung steht der Film "Derek", den Julien letztes Jahr zu Leben und Werk Jarmans fertiggestellt hat. Die Filmschauspielerin Tilda Swinton, Jarmans Muse, liest darin einen Brief, den sie 2002 an den gestorbenen Freund geschrieben hatte. Ausschnitte aus einem Interview in Jarmans Haus auf dem Land, Sequenzen aus seinen Filmen und historische Aufnahmen kommen hinzu.
Dabei greift Julien in Zürich auf nicht verwendetes Material zurück, mischt es mit Szenen des Films und bricht diesen Mix nochmals in einer Doppelprojektion.
So sehr sich das Erinnerungsbild dabei aufzulösen scheint, so präzise tritt doch das Lebensgefühl der Epoche hervor:
Die Befreiungsbewegung der Schwulen, die Punk-Kultur, die Londoner Bohemiens, der Kampf gegen den Kulturhass der Thatcher-Ära hat Jarman in Bilder gefasst.
Die Ausstellung wartet auch mit Super-8- Filmen auf, die er bei sich zu Hause aufgenommen hat ("Home Movies"), und ergänzt sie mit den Materialbildern, mit denen er gegen die Engstirnigkeit seiner Zeit protestierte.
Termine: Wien bis 5. Oktober, Zürich 30. August bis 2. November. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 24 Euro, im Buchhandel 29,50 Euro.
Internet: www.kunsthallezurich.ch und www.kunsthallewien.at
Bildunterschrift:
Bewegender Abschied vom Leben: Ausschnitt aus Jarmans Film "Blue" von 1993
