Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 65

Die rosarote Brille des Geschmacks

Von Thomas Wagner

Im Kulturbetrieb regiert das Geschmacksbürgertum, klagt . Statt Neugierde auf andere Weltsichten zu wecken, dient Kunst nur noch als schicker Lifestyleverstärker

Nichts im Kunstbetrieb hält die gegenwärtige Mixtur aus Revivals und Evergreens, aus Erfolg, Ruhm sucht und Preistreiberei so sicher zusammen wie der persönliche Geschmack. Mit einem Male ist er wieder en vogue. Denn jeder hat einen, und keiner muss sich länger für ihn schämen. Die Kunst kann noch so aufgewärmt oder dekorativ sein, der Geschmack macht sie salonfähig. Was schön ist, gefällt wieder. Und was gefällt, muss einfach schön sein.

Wer dann auch noch die richtigen, weil angesagten Künstler sammelt, der steht auf der sicheren Seite - was den Geschmack, aber auch was den Geschäftssinn angeht.

Geschmack zu haben, lohnt sich wieder. Ob die Kritik nun warnt, die Theorie mit den Zähnen fletscht oder ob es die Kunstgeschichte besser weiß - das neuerdings ästhetisch zivilisierte Bürgertum betrachtet Kunst durch die rosarote Brille des Geschmacks, in die wie in ein Display die jeweils neuesten Preise eingeblendet werden.

Endlich ist man der Zumutung entkommen, in der Kunst gehe es um mehr als um die sinnlich aufbereitete Meinung des Künstlers. Endlich muss man nichts mehr erklären und keine verquasten Texte mehr lesen, um mitreden zu können. Endlich hat man hinter sich gelassen, was anstrengen könnte, bei der Beschäftigung mit Kunst.

Endlich ist der zahlende Zuschauer frei und spricht: Was wollt Ihr? Es gefällt mir einfach! Die Künstler befriedigen den wachsenden Bedarf, Experten sind überflüssig - und wir alle sind Bürger einer demokratischen Gesellschaft der freien Geschmacksäußerung.

Der persönliche Geschmack und die Objektivität der Preise, sie sind, ob uns das nun passt oder nicht, die aktuellen Kriterien des Kunstbetriebs. Über das eine soll man bekanntlich nicht streiten können, und das andere regelt ein anonymer Mechanismus. Wunderbar. So fühlt man sich wohl und muss für nichts die Verantwortung übernehmen, nicht einmal für die Kunst, mit der man sich umgibt. Doch müssten wir es nicht begrüßen, wenn sich die ästhetischen Verhältnisse verbessern, besonders in Deutschland, wo der Mangel an Geschmack ekla tant ist, wo ästhetische Umweltsünden an der Tagesordnung sind und statt dessen moralische Krokodilstränen darüber vergossen werden, dass es in der Welt nicht gerecht zugeht? Wo, bitte schön, ist das Problem, wenn Galerien die frohe Botschaft des Geschmacks bis in den hinterletzten Problembezirk tragen? Weshalb sollten wir es ablehnen, wenn Künstler mit ihren Projekten bis in die betonierte Trostlosigkeit von Trabantenstädten vordringen, um dort den Sinn zu schärfen für ästhetische Verhältnisse? Eine Prise Eleganz und jede Menge Investitionen ins Zweckfreie - so lässt sich der grassierenden Tendenz zum Egalitären doch widerstehen.

Schön wär's. In der Welt des unanfechtbaren Geschmacks versteckt sich das Egalitäre nur. Nicht, dass jeder den gleichen Geschmack hätte oder haben sollte. Keineswegs.

Gerade weil jeder seinen eigenen hat und diesen so selbstverständlich hervorkehrt, entwertet er das, warum es in der Kunst geht. Kann es eine größere Gleichmacherei geben als die, sich damit herauszureden, man finde ein Gemälde einfach "schön"? Kultur lebt von Streit, von unterschiedlichen Perspektiven und Argumenten. Nur vor dem Gerichtshof meines Geschmacks ist alle Kunst gleich.

Nichts kann meinen Geschmack irritieren, weder die Neugierde auf eine radikal andere Weltsicht noch das Widerständige, das sprachlos macht. Mein kleiner, begrenzter Geschmack entscheidet, und ich bestätige mich selbst. Sicher.

Auch Geschmack muss sich bilden und weiterentwickeln.

Aber davon ist herzlich wenig die Rede.

Viel lieber feiert das neue Geschmacksbürgertum sich selbst. Es löst die Frage der Kunst pragmatisch und verwendet, was es als schick empfindet, um die eigene Leere zu dekorieren. Wer Kunst sammelt, der hat Geschmack. Das muss reichen, um sich vom Kleinbürger zu unterscheiden.

Kunst degeneriert zum Geschmacksverstärker. Mag das Bürgertum der Wohlfühlgesellschaft auch metaphysisch heimatlos sein, es hat die Kunst entdeckt, und es klopft sich dafür auf die Schulter. Man schätzt, was sinnlich und geistig ist. Und teuer. So dreht sich das Karussell der Gegenwart im Kreis. Geschmack ist sein Motor. Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf kein Hut; in den Lüften hallt es nicht wie Geschrei. Über Geschmack aber lässt sich sehr wohl streiten.

Bildunterschrift:

Kultur lebt von Streit, von verschiedenen Perspektiven und Argumenten. Nur vor dem Gerichtshof des persönlichen Geschmacks ist alle Kunst gleich