Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 94-95

Roter Themenladen

Von Kito Nedo

POTSDAM: XV. ROHKUNSTBAU

Überfrachtet und ohne Durchschlagskraft: die 15. Ausgabe der renommierten Sommerausstellung, diesmal in der Villa Kellermann. Immerhin, die Wege sind kürzer geworden: In den vergangenen 15 Jahren pilgerten kunstsinnige Berliner während der Sommerzeit in das Brandenburger Umland, um die von Arvid Boellert organisierte Rohkunstbau- Ausstellung zu sehen. In diesem Jahr genügt eine Fahrt mit der S-Bahn nach Potsdam. Dort, in den oberen Räumen der Villa Kellermann, hat die Schau nach fieberhafter Suche vorübergehend Quartier bezogen, nachdem der alte Ausstellungsort Schloss Sacrow nicht länger zur Verfügung stand(art 4 und 8/2008).

Doch obwohl das neue Domizil am Heiligen See einen durchaus würdigen Ersatz darstellt, kann der diesjährige Durchgang, für den man sich bei Krzysztof Kies´lowskis gleichnamigem Film den Titel "Drei Farben - Rot" geliehen hat, nicht überzeugen. Zu hochgestochen wirkt das Konzept des Kurators Mark Gisbourne, der die Kunst von zehn internationalen Künstlern mit so unterschiedlichen Bezügen wie der Farbe Rot, der Potsdamer Siegermächte-Konferenz 1945, dem bürgerlichen Konzept der Brüderlichkeit und der ehemals vom DDR-Kulturbund verwalteten Villa Kellermann überfrachtet. Im besten Sinne erzählt die Ausstellung von der Immunität der Kunst gegenüber derartigen Themenläden, denn die beteiligten Künstler arbeiten nicht illustrativ, sondern vor allem assoziativ mit den politisch hoch aufgeladenen Begriffen.

So hat die junge Russin Alexandra Khlestkina Bilder Lenins zu einem Video clip mit dem Titel "Wolodja" (2005/08) montiert. Durch die mit schwermütiger Musik unterlegte Animation weht Trauer über das Scheitern der großen gesellschaftlichen Utopien, das Popvideo wird zur letzten Anrufung des verschwundenen Erlösers: "Du bist nicht unter uns, nirgendwo zu sehen." Nebenan, in der Rauminstallation "Gudrun und Christiane" (2008) von Brigitte Waldach, kehrt das Motiv der Geisterbeschwörung wieder: Die Künstlerin zitiert Briefe der toten RAF-Terroristin Gudrun Ensslin aus dem Gefängnis.

Insgesamt sind solche feinen Verbindungen zwischen den Werken jedoch zu selten. Im nächsten Jahr braucht Rohkunstbau wieder mehr Präzision und Durchschlagskraft.

Termin: bis 5. Oktober. Katalog: Verlag Hans Schiler, 20 Euro. Internet: www.rohkunstbau.de

Bildunterschrift:

Bettina Pousttchis "Ocularis" (1999) widmet sich den Revolutionen auf dem Gebiet der Mikroskopie