Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 95

Liebe, Trauer, Tod und Strand

Von Hans Pietsch

FOLKESTONE: 1. TRIENNALE - "TALES OF TIME AND SPACE"

Ein Skulpturenpark leistet Erinnerungsarbeit und bessert das Image der südenglischen Hafenstadt auf. Auf einem Hausdach über dem Hafen proklamiert eine riesige Neonschrift "Der Himmel ist ein Ort, wo niemals etwas geschieht". In Folkestone dagegen geschieht derzeit viel. 22 internationale Bildhauer lockte die erste Triennale mit dem Titel "Tales of Time and Space" in die etwas heruntergekommene Hafenstadt an Englands Südostküste. Sie sollten die Stadt in einen riesigen Skulpturenpark verwandeln. Imagepflege mit Kunst also! So etwas geht oft daneben - hier funktioniert es.

Die Künstler sollten möglichst auf Vergangenheit und Gegenwart der Stadt reagieren, und da kommt man natürlich am Ersten Weltkrieg und Folkestones Rolle als Einschiffungsort nicht vorbei.

Erinnerungsarbeit leistet etwa der Franzose Christian Boltanski. Seine "Flüstereien" sind Aufnahmen von Folkestoner Bürgern, die Briefe von Soldaten und deren zurückgebliebenen Frauen und Geliebten vorlesen. Auf einer Parkbank sitzend hört man diese anrührenden Geschichten von Liebe, Trauer, Tod, Verlust.

Mark Wallingers Arbeit "Folk Stones" spricht ebenfalls davon. Der Turner-Preisträger hat 19 240 nummerierte Kieselsteine in eine Rasenfläche eingelassen - so viele alliierte Soldaten fielen am ersten Tag der Schlacht an der Somme. Und auch Tracey Emin trauert: Überall stolpert man über ihre "Babysachen", sieben Bronzeabgüsse von Kleidungsstücken, die sie in der Umgebung gefunden hat. Richard Wilson geht humorvoller mit der lokalen Geschichte um: Er beobachtete, wie ein Minigolfplatz am Strand demoliert wurde und kaufte einige der mit Plastikrasen überzogenen Betonplatten, mitsamt den Löchern, die es zu treffen galt. Und verwandelte sie in drei bunte Strandhütten, die direkt am Wasser fast wehmütig nach Frankreich blicken.

Natürlich soll es noch viele Triennalen in Folkestone geben, aber wie lang der Atem sein wird, bleibt abzuwarten.

Auch, wie viele Themen der kleine Ort auf lange Sicht hergeben wird. Erinnerungsarbeit braucht jedenfalls nicht mehr geleistet zu werden

Termin: bis 14. September.

Internet: www.folkestonetriennial.org.uk

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