Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 110-111
Bastelbogen für Barockfreunde
Von Till Briegleb
Wettbewerb: Zu wenig Raum für eigene Ideen - die deutschen Stararchitekten wollen kein Berliner Stadtschloss bauen
Glaubt man den Verfechtern des Projekts, dann ist der geplante Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses "eines der bedeutendsten kulturellen Bauvorhaben Deutschlands" (Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee). Nimmt man aber das Interesse der Architekten als Maßstab, dann ist der Neubau der 1950 gesprengten Preu ßenresidenz als Humboldt- Forum ein echter Flop. Gerade mal 85 Büros reichten im Mai Entwürfe für den internationalen Wettbewerb des 552-Millionen- Euro-Projekts ein - zum Ver gleich: Am Wettbewerb des Erlebniscenters für die Himmelsscheibe von Nebra in Sachsen- Anhalts Wangen beteiligten sich 500 Büros. Besonders unter den renommierten deutschen Architekten herrscht mit Empörung und Spott gemischtes Desinteresse.
Von Hadi Teherani bis Stefan Behnisch, von Christoph Ingenhoven bis KSP Engel und Zimmermann, von Sauerbruch Hutton bis Allmann Sattler Wappner haben nahezu alle deutschen Büros, die international für Furore sorgten, die Teilnahme verweigert.
Architekten, die sich seit vielen Jahren öffentlich mit einem Schlossneubau beschäftigt haben wie Meinhard von Gerkan (gmp) und Stephan Braunfels, haben zwar Entwürfe eingereicht, aber man darf gespannt sein, wie sie ihr zeitgenössisches Architekturverständnis mit der Ausschreibung in Einklang bringen, die die Rekonstruktion der historischen Schlossfassade an den drei Schauseiten verlangt. "Wir haben keine Lust, Ideengeber für einen Bauherrn zu spielen, der keine Ideen haben will", erklärt Matthias Sauerbruch in einer art-Umfrage zu dem kontrovers diskutierten Projekt, dessen Ausschreibung selbst vom Juryvorsitzenden David Chipperfield heftig kritisiert wurde.
Sauerbruch sieht in dem Wettbewerb den Missbrauch eines demokratischen Entscheidungsinstruments, da er nur der Erfüllung eines "vorgefassten Planungsziels" diene. Auch der Hamburger Architekt Peter Schweger bemängelt, dass die "baulichen Restriktio nen zu wenig Spielraum" gäben.
Stefan Behnisch lehnt das Projekt als "nostalgisch" und geschichtlich weder "erklärbar noch motiviert" ab. Und Christoph In - genhoven verhöhnt die Ausschreibung als "", fügt allerdings hinzu:
"Ein zeitgemäßes Gebäude für das Humboldt-Forum hätte ich sehr gerne entworfen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es nach dem Scheitern des Wettbewerbs doch noch zur großen Nachdenklichkeit kommt." Vielleicht, so Ingenhoven weiter, würden die ausgewählten 30 Architekten, die bis September ihre Entwürfe für eine endgültige Entscheidung im November überarbeiten sollen, aber auch "eine Lösung herbeizaubern, die uns alle zu Tränen rührt. Schön wär's, aber unwahrscheinlich."
Bildunterschrift:
Besucher im Förderverein bestaunen das Schlossmodell
