Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 112

Die fetten Jahre sind vorbei

Von Adrienne Braun

Kunstakademien: Lohnt es sich noch, Professor zu werden?

Viele Künstler träumen verg e b lich von einer Professur.

Neo Rauch dagegen hatte schon nach drei Jahren Lehre an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst genug. Die eigene Malerei und das Engagement für die Studenten waren für ihn nicht mehr zu schaffen. Die fetten Jahre, als Kunstprofessoren viel verdienten und Assistenten für sich arbeiten ließen, sind vorbei.

An der Düsseldorfer Kunstakademie etwa sind das 20 Stunden pro Woche, an der Universität der Künste in Berlin müssen sie 18 Lehrveranstaltungsstunden wöchentlich abdienen.

Auch finanziell sind die jungen Professoren seit der Umstellung von C- auf W-Besoldung ab 2005 schlechter gestellt. Im Westen liegt ihr Einkommen damit zwischen 3405 und 4723 Euro - im Osten der Republik sind es 7,5 Prozent weniger - und das Gehalt steigt auch nicht mehr mit den Berufsjahren an. Im Vergleich dazu erhält ein älterer C4-Professor mehr als 6000 Euro Monatsgehalt. Spitzenverdiener des Kunstmarkts wie Neo Rauch kann man finanziell mit einer Professur allerdings nicht locken. Doch es gibt anderes, was die Hochschule für Künstler attraktiv macht: Da sind der Kontakt zu den Studenten und die An regungen von ihnen. Zudem stellen die meisten Hochschu len ihren Meistern ein Atelier zur Verfügung, und sämtliche Werkstätten dürfen benutzt werden. Wer eine Forschungsarbeit vorhat, kann ein Freisemester bei vollen Bezügen einlegen. Persönliche Assistenten - wie sie es für Professoren inLeipzig noch gibt - sind heute aber die Ausnahme. In Düsseldorf etwa hält man nichts von "Mittelspersonen, die vermitteln, was der Professor meint", so Kanz ler Peter Michael Lynen.

Es bleibt die Gratwanderung zwischen künstlerischer Freiheit und verlässlicher Lehre. "Denn die Stechuhr verträgt sich nicht mit der Kunst", sagt Dietrich Koska, Verwaltungsdirektor an der Städelschule Frankfurt. Diese ist, anders als die meisten Akademien, eine Privatschule in öffentlicher Trägerschaft - und stellt Professoren nur noch für fünf Jahre an.

An den anderen Hochschulen sind die künstlerischen Professoren aber nach wie vor auf Lebenszeit beamtet.

Gegen eine der wichtigsten Neu erungen im bundesdeutschen Unibetrieb haben sich die Kunsthochschulen bislang erfolgreich gewehrt: Weder in Stuttgart, noch in Berlin, Düsseldorf, Münster oder Leipzig machen Künstler einen Bachelor- oder Master-Abschluss.

In Düsseldorf erhalten die Absolventen zum Beispiel einen Akademiebrief, am Städel eine Vollstudienbescheinigung oder den Abschluss "Meisterschüler".

Während in an deren Fächern in Modulen unterrichtet wird, können die Kunstprofessoren also weiterhin bestimmen, was und wie sie lehren

Kunst und Lehre - wie geht das? art fragte Künstler, die zugleich auch Akademieprofessoren sind

Jeanne Faust, 40, Foto- und Videokünstlerin, unterrichtet seit 2006 an der Hochschule für Künste in Bremen: "Wir treffen uns zwei Tage pro Woche.

Regelmäßigkeit schafft Verbindlichkeit. Gelegentlich unternehmen wir gemeinsam Dinge, machen Exkursionen oder Spaziergänge durch die Stadt. Ich will Neugier wecken, die Studenten sollen Fragestellungen finden, die es noch nicht gibt. Natürlich nimmt mir das viel Zeit weg, aber diese Zeit ist total gut genutzt. Ich habe tolle Studenten, da kommt viel zurück. Sonst wäre das ganz schön frustrierend. Viel Energie geht natürlich auch durch Verwaltungsmaßnahmen drauf, das könnte man schon straffer organisieren."

Tal R, 41, israelisch-dänischer Künstler, macht Bilder, Collagen, Installationen und lehrt seit 2005 an der Kunstakademie Düsseldorf: "Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen Kunst machen und Kunst lehren. Kunst ist Einmischen. Ich versuche meinen Studenten beizubringen, dass die Kunst ihnen gehört und dass Zweifel ein Zeichen von Intelligenz sind." Und was macht einen Künstler zum guten Professor? "Neugier, Sexappeal und gute Erinnerungen an das eigene Studentendasein!"

Tobias Rehberger, 42, Bildhauer, lehrt seit 2001 an der Städelschule in Frankfurt/Main: "Die Arbeit als Professor nimmt mir gar nichts von der Zeit weg, die ich für meine eigene Arbeit brauche. Ich produziere ja keine Bilder am Fließband. Sicher, ich habe Glück, dass ich an meinem Wohnort unterrichten kann. Das ist natürlich optimal. Ich unterrichte vorwiegend von 15 Uhr bis spät, das kann bis 3 Uhr nachts gehen. Mir macht es einfach total viel Spaß, den Leuten zu helfen. Das gibt mir eine große Befriedigung, sie zu unterstützen - solange ich gute Studenten habe. Man lernt ja auch was von denen, zum Beispiel die neueste Mucke aus Timbuktu."

Valérie Favre, 49, Schweizer Malerin, seit 2006 Profes sorin an der Universität der Künste Berlin: "Das ist wie ein großes Geschenk für mich. Ich finde es wichtig, wenn erfolgreiche Künstler Kunst unterrichten. Die wis sen, was los ist, kennen die guten Galerien. Gerade dass ich beides machen kann, gibt mir die Energie. Ab und zu ist es schon ein bisschen heftig. Aber ich habe ja keine Familie, deshalb ist es unproblematisch. Ich will den Studenten eine bestimmte Ethik und Haltung vermitteln, will, dass sie bereit sind, Risiken ein zu gehen. Wir treffen uns einmal pro Woche, das handhabe ich flexibel."

Bildunterschrift:

Tobias Rehberger und Studenten beim Aufbau ei - ner Bildhauer- Ausstellung im Kunstverein Ettlingen