Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 86-87
Im Reich der Paradoxe
Von Heinz Peter Schwerfel
Ethnische Kunst und Arbeiten von Gegenwartskünstlern im Gropius-Bau
BERLIN: DIE TROPEN
Der Äquator bildet die Mitte der Weltkugel. Zwischen dem Wendekreis des Krebses und dem Wendekreis des Steinbocks, zwischen 23. nördlichem und 23. südlichem Breitengrad, liegen die Tropen, zugleich Utopia westlicher Sehnsüchte und Alptraum abendländischer Zivilisation. Denn die Tropen sind ein Reich der Paradoxe, hier ist die Natur am reichsten und der Mensch am ärmsten, es ist die einzige Weltregion, in der sich die Alltagskultur im Laufe der letzten Jahrhunderte vor allem in ländlichen Gebieten kaum verändert hat, während in Metropolen wie Rio de Janeiro, Kinshasa oder Hongkong die Einwohner zu ersticken drohen.
Das von Gegensätzen und Anachronismen geprägte Leben am tropischen Nabel der Welt folgt seinen eigenen Rhythmen, Farben, Gesetzen; es ist uns trotz der Entdeckungsarbeit von Forschern wie Alexander von Humboldt oder Claude Lévi-Strauss bis heute fremd geblieben.
Deswegen bleiben die Tropen Projektionsfläche der Träume von Zivilisationsflucht und Wahrheitssuche.
Genau dieser Mystifizierung der Tropen geht eine von Alfons Hug, dem Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro und Ausstellungsmacher, initiierte Ausstellung nach, die den Mythos Tropen durch Kunst nicht rational zu erklären, aber zu illustrieren versucht, indem sie alte Stammeskunst mit Werken zeitgenössischer Künstler in Beziehung setzt.
Rund 200 Arbeiten meist anonymer Künstler aus den Beständen des Berliner Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst stehen in fünf thematischen Kapiteln, etwa zu Natur, Politik, Farbenpracht oder urbanem Drama, Malerei, Fotografie, Installation und Multimedia von rund 40 Gegenwartskünstlern gegenüber. Diese stammen teilweise selbst aus tropischen Länden, teilweise setzen sie sich kritisch mit unserer Tropen-Erwartung auseinander. So hängen Dschungel-Fotos von Thomas Struth oder Candida Höfers Aufnahmen von in Zoos gehaltenen Giraffen neben Plastiken aus Westafrika, die einen noch unschuldigen Umgang eingeborener Künstler mit Natur und Gott heiten zeigen, bevor die Tropen zur Dritten Welt verkamen. Der in Berlin lebende Peruaner Fernando Bryce zeichnet lokale Idole nach, der Kölner Marcel Odenbach oder der Peruaner David Zink Yi zeigen afrikanische und südamerikanische Realität im Video.
Von Malern wie Franz Ackermann oder Beatriz Milhazes stammen abstrakte Großformate, die mit dem angeblich typisch tropischen Überfluss von Farbe und Form spielen. Masken aus Sumatra oder Guinea wechseln ab mit Multimedia-Installationen, etwa des Brasilianers Roberto Cabot, der unter seine Liveaufnahmen von Webkameras aus tropischen Städten von Kalkutta bis Singapur auch Bilder von falschen Tropen mischt, zum Beispiel aus dem Spaßbad "Tropical Islands" in der um gewidmeten "Cargolifter"-Halle in Brandenburg.
Termin: 12. September bis 5. Januar 2009.
Katalog: Kerber Verlag, 45 Euro.
Internet: www.goethe.de/tropenausstellung
Bildunterschrift:
Wie sich die Farben gleichen: links ein brasilianischer Kopfschmuck aus Arafedern, rechts: "Sampa" (2005/06, 217 x 168 cm) von Beatriz Milhazes
Still aus dem Video "Morrendo de rir" ("Sterben vor Lachen", 2005), das den maskierten Künstler Marcos Chaves zeigt
