Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 84-85
Ästhetik des Augenblicks
Von Kito Nedo
Erste Retrospektive der türkischen Künstlerin im Hamburger Bahnhof
BERLIN: AYSE ERKMEN
Retrospektiven, so gab Ays¸e Erkmen vor gut zehn Jahren zu Protokoll, interessierten sie nicht, die würden ohnehin nur "erwachsenen" Künstlern ausgerichtet: "Aber wer will schon erwachsen werden? Ich nicht. Ich arbeite mit Situationen.
Mich interessiert das Leben." Nicht zuletzt, weil sich die 1949 in Is tanbul geborene Künstlerin in den vergangenen 30 Jahren ihrer Karriere konsequent an diese situative Arbeitsphilosophie gehalten hat, dürfte die erste, von den beiden Berliner Kuratorinnen Britta Schmitz und Bettina Schaschke zusammengestellte Werkschau im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart zu den überraschenden Ereignissen des Berliner Kunstherbstes gehören. Prozesshaftigkeit und Ortsspezifik bestimmen die Aktionen und Installationen Erkmens, zu deren spektakulärsten Arbeiten sicherlich ihr Beitrag für die Ausstellung "Skulptur Projekte Münster" 1997 zählt. Als sich damals die Kirche die Benutzung des Domplatzes für eine Installation ausdrücklich verbat, ließ Erkmen mehrmals zur Freude des Publikums Barockplastiken aus dem Landesmuseum mit Hilfe eines Helikopters über den Platz schweben, bevor sie schließlich auf dem Museumsdach gegenüber dem Dom abgesetzt wurden. Der war auch ihre Aktion "Shipped Ships" verpflichtet, die sie 2001 im Auftrag der Deutschen Bank in Frankfurt am Main realisierte: Drei kleine Fährschiffe aus Italien, Japan und der Türkei wurden per Schiff mitsamt ihrer Besatzung nach Frankfurt transportiert, um dort auf dem Main einen temporären Fährbetrieb aufzunehmen.
In Berlin, neben Istanbul mittlerweile ihre zweite Heimat, fiel sie vor zwei Jahren durch eine berührende Installation am U-Bahnhof Alexanderplatz auf, wo alle einfahrenden Züge von einer theatralischen Hymne angekündigt wurden und so der Tristesse des öffentlichen Nahverkehrs eine unverhofft erhabene Note verliehen wurde. Die Chancen für die Ausstellung im Hamburger Bahnhof stehen also nicht schlecht, dass es sich weniger um einen Rückblick auf die Karrierestationen einer erfolgreichen Künstlerin handelt, sondern eine Feier der Situation, des Ortes, der Kunst und des Lebens selbst.
Termin: 13. September bis 11. Januar 2009.
Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds. Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, zirka 25 Euro.
Internet: www.hamburgerbahnhof.de/
Bildunterschrift:
Per Frachter kamen drei Fährschiffe nach Frankfurt: Aktion "Shipped Ships" (2001)
