Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 85
Ornamentik aus entfesselter Gewalt
Von Birgit Sonna
Eine Einzelausstellung des virtuosen deutschen Zeichners im Kunstverein
ULM: RALF ZIERVOGEL
Abstraktion ist Verbrechen! Wer Ralf Ziervogels bis zu zehn Meter ausufernde Zeichnungen genauer in Augenschein nimmt, muss schlichtweg zu dieser düsteren Einsicht kommen.
Auf buchstäbliche Weise wachsen sich all seine minuziös mit der Feder hingestrichelten, scheinbar unschuldig abstrakten Formspielereien im Detail besehen zu einem Pandämonium an Gewaltakten und Konsumfetischen aus. Malträtierte, missbrauchte, vergewaltigte, zerrissene Körper verklumpen sich zu einer wahren Kettenreaktion an grausigen Handlungen.
Egal, wie elegant geschwungen die Linie, wie floral die Ornamentik, wie amorph die Zusammenballung der Gegenstände erscheint, am Ende mündet das abstrakte Vokabular Ziervogels in ein sadomasochistisches Treiben.
Persönlich aber hat man es bei Ralf Ziervogel mit einem ziemlich undiabolischen Menschen zu tun. Der 1975 im niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld geborene Künstler gibt sich äußerst smart und ist konzeptuell überlegt bei der Sache.
Mit seiner Teilnahme an der Gruppenschau "Made in Germany" letztes Jahr in Hannover war der unaufhaltsame Aufstieg von Ralf Ziervogel besiegelt. Nach viel gelobten (Galerie-)Ausstellungen in München, Düsseldorf, New York und Heilbronn hat er nun einen Einzelauftritt im Kunstverein Ulm.
Mehr denn je bindet Ziervogel die Zeichnungen und erstmals auch Druckgrafiken in einen inszenatorischen Zusammenhang ein. Im Kunstlicht des Ausstellungssaals, der als konzentriertes Labor gestaltet ist, zeigt er außerdem eine neue Variante seiner Arbeit: mit dem Bohrer zeichnerisch gravierte Tische. Seine unheimlichen, betont klischeehaft an den niederländischen Meistern Hieronymus Bosch und Pieter Brue ghel geschulten Fan tasien beschreibt Ziervogel gerne selbst pedantisch wie ein Kunstgeschichtsseminarist:
"Zwei Seile verbinden weitere 51 sich gegenseitig penetrierende Männer, Frauen und Tiere, in Form eines auseinander fliegenden Knäuls, das die von Tischler Klose gefertigte, blutüber strömte UBoot- Rampe bis zum äußersten, oberen, rechten Rand demontiert." So meisterlich delikat die von Comic- Elementen mitgenährten Zeichnungen auch sind, zart Besaitete werden mit Ziervogels höllischer Eingebungskraft so ihre Probleme haben.
Termin: 7. September bis 2. November.
Internet: www.kunstverein-ulm.de
Das Pandämonium erschließt sich erst in der Detailsicht: "Das Moos" (2006, 24 x 10 cm)
