Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 93

Ravioli und der Staub der Vergangenheit

Von Ute Diehl

TRENTINO-SÜDTIROL: MANIFESTA 7

Die Wanderbiennale, die diesmal Station in Norditalien macht, stellt ihr Publikum vor schwierige Fragen. "Was ist eigentlich ein Kurator?", fragt der Bozener Taxifahrer, der die Manifesta 7 zu besuchen erwägt. Ein ausgefeiltes Vermittlungsprogramm nimmt sich bei der Bien nale solcher Fragen von bodenständigen Südtirolern an. Doch auch der erfahrene Kunsttourist sieht sich auf die eine oder andere harte Probe gestellt.

Nicht nur zieht sich die Manifesta unter Beteiligung von rund 230 Künstlern über 150 Kilometer von Rovereto über Trient nach Bozen bis hinauf zur "Franzensfeste" (art 7/2008). Drei Kuratorenteams beschäftigen sich darüber hinaus mit großen Themen wie dem "Prinzip Hoffnung" (Adam Budak), der "Seele" (Anselm Franke/Hila Peleg) und dem "Rest vom Jetzt" (Raqs Media Col lective).

Gemeinsam haben sie für die Habsburger Festung das Projekt "Scenarios" entwickelt. Kunstwerke sind hier nicht ausgestellt, "weil die Festung selbst ein Kunstwerk ist". In einer schier endlosen Folge düsterer Räume vernimmt der Besucher statt dessen flüstern vorgetragene Texte von zehn Schriftstellern, die das Festungsgelände thematisieren.

Auch in der ehemaligen Bozener Aluminiumfabrik konfrontiert das indische Kuratorenteam Raqs Media Collective den Besucher mit komplexen Fragen: "Was ist ein Rückstand? Was soll damit geschehen? Sollen Residuen vergessen, verbrannt, eingefroren, betrauert oder gefeiert werden?" Ein New Yorker Konservator hat die Rückstände der Fabrikmauer in Gussformen aus Latex übertragen und daraus eine hohe Wand gebaut. Ein Roboter hat eine Wand mit künstlichen Strukturen von Pilzbefall durchkerbt. Man ist gelegentlich versucht, es der indonesischen Performerin Melati Suryodarmo gleichzutun. Sie hat drei Stunden lang auf einen Stab gestützt auf einem Sockel ausgeharrt, um dann erschöpft zusammenzusinken.

In Trient haben sich Anselm Franke und Hila Peleg das Konzil zum nahe liegenden Gegenstand gemacht. Mit ihren Künstlern denken sie über den Seelenzustand Europas nach. Die Kurzfilme der Kanadierin Althea Thauberger über ethnische Minderheiten in Südtirol beeindrucken dabei ebenso wie das in der Vergangenheit wühlende Video "Villa Feltrinelli" von Andree Korpys und Markus Löffler, die in Anspielung auf die düstere Geschichte des Ortes eine Dose blutroter Ravioli sezieren.

In Rovereto forderte Adam Budak die Künstler auf, Althergebrachtes einer Prüfung zu unterziehen. Einer singt ein Schumann-Lied; ein anderer hat einen or namentalen Teppich aus Staub und Asche auf den Boden gelegt. Eindruck hinterlässt das Video von Guido van der Werve, der am Nordpol 24 Stunden lang auf der Erdachse steht. Vom örtlichen Futuristen Depero inspiriert, sorgt einzig Christian Philipp Müller für etwas Heiterkeit: Er zeigt einen vom Traktor gezogenen Festwagen mit singender Trachtengruppe unter dem Pappmodell zweier Raumschiffe - und vereint zumindest für den Moment lokale Tradition und globalen Fortschritt.

Termin: bis 2. November. Katalog: Verlag Silvana, drei Bände 75 Euro, im Buchhandel 91 Euro.

Internet: www.manifesta7.it

Bildunterschrift:

Fortschritt trifft auf Südtiroler Bodenständigkeit:

Christian Philipp Müllers "Carro Largo" (2008)