Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 118

Der Gral der Nachkriegskunst

Von Claudia Bodin

Nachlass: Papiere von Leo Castelli für das Smithsonian

Er galt als der Papst der Kunstwelt:

Der New Yorker Galerist Leo Castelli, der 1999 im Alter von 91 Jahren starb, betreute Karrieren von Künstlern wie Jasper Johns, Andy Warhol, Cy Twombly und Roy Lichtenstein. Seine Familie vermachte den "Archives of American Art" an der Smithsonian Institution in Washington 350 Kar tons, gefüllt mit Briefen, Belegen, Rechnungen, Postern und Fotografien aus den letzten 43 Lebensjahren des Kunsthändlers.

Er soll niemals auch nur ein einziges Stück Papier weggeworfen ha ben. "Dies ist der heilige Gral der amerikanischen Nachkriegskunst", kommentierte der Direktor der Archive, John W. Smith. art durfte schon mal einen Blick in einige Dokumente werfen.

"Wie abgesprochen schicken wir einen Scheck über 36 000 Dollar für die Spiegelbilder von Roy Lichtenstein", schrieb da zum Beispiel der Sammler Harry ("Hunk")

Anderson Anfang der siebziger Jahre an den Galeristen und fügte hinzu: "Bei diesen Preisen, Leo, brauche ich ein Bett von Rauschenberg, um darin zu schlafen." Fast pedantisch erklärte der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth dem Galeristen seine Arbeit, die "viel, komplexer ist als sie scheint". Dazu legte er einen Musternagel bei, um sicherzustellen, dass Castelli auch den richtigen Nageltyp für die Hängung der Werke verwendet.

Leo Castelli selbst tröstete einen Sammler aus Chicago, der von dem Kauf einer Arbeit von Robert Rauschenberg kurzfristig zurücktreten musste: "Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Großer Enthusiasmus für ein Gemälde ist ein lobenswerter Zustand und übereilte Verpflichtungen kom men häufig vor. Gute Kunst ist teuer. Nicht so aber der Wunsch, sie zu besitzen."

Bildunterschrift:

Komplex: Briefe von Robert Morris und Joseph Kosuth

Zwei große stahlblaue Quader, die aus einem alten Kraftwerksgebäude herauszuwachsen scheinen, sind Blickfänge des neuen Contem porary Jewish Museum von San Francisco, entworfen von Daniel Libeskind. Das vor kurzem eröffnete Haus in der Mission Street im Stadtkern bietet rund 6000 Quadratmeter Fläche.

Neben Ausstellungsräumen ist hier auch ein Thea ter untergebracht.

47,5 Millionen Dollar (rund 30 Millionen Euro) kostete der kantige Anbau des Architekten, der bereits jüdische Museen in Berlin und Kopenhagen errichtet hat. Das neue Haus wird unter anderem von den Jüdischen Gemeinden in San Francisco mitgetragen. Jüdische Kultur und Identität stehen im Mittelpunkt der Ausstellungen, Lesungen und Aufführungen.