Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 108-109

Ist der ganz große Kunstboom vorbei?

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Kunstmarkt: Experten nehmen Stellung zur aktuellen Stimmung in der Kunstszene

Die bildende Kunst ist in den letzten Jahren zu einem Teil der Popkultur geworden, begleitet von einem beispiellosen Aufschwung des Kunstmarkts: Die Auktionsergebnisse erreichen ungeahnte Höhen, die Galerienlandschaft wächst und wächst, immer mehr Sammlungen öffnen ihre Türen für die Öffentlichkeit, und glamouröse Selbstdarsteller wie Damien Hirst oder Jonathan Meese haben Hochkonjunktur.

Nun mehren sich die Anzeichen, dass der ganz große Boom langsam aber sicher dem Ende zugeht: Dem schwankenden Kultur standort Deutschland fällt es inzwi schen zunehmend schwer, sich zu behaupten, aber auch weltweit taumeln die Kunstmessen in die Krise. art fragte nach bei Sammlern, Kritikern, Galeristen und Experten von Auktionshäusern, Messen und Museen: Ist der Kunstboom vorbei?

Ulrike Groos, Direktorin der Kunsthalle Düsseldorf:

"Der so genannte Kunstboom hat durchaus auch seine positiven Seiten: Noch nie wurde so viel Geld für Künstlerförderung und Stipendien ausgegeben, noch nie kamen mehr Besucher in die Museen und Ausstellungshäuser und selten wurde über zeitgenössische Kunst auf so breiter Ebene diskutiert. Kunstmessen kommen und gehen, die Erfolgreichen werden bleiben. Solche Entwicklungen sind ganz natürlich und finden in regelmäßigen Abständen immer wieder statt. Das letzte Mal wurde das Ende des Kunstbooms Anfang der neunziger Jahre ausgerufen. Das Ende der Kunst hat es allerdings nicht bedeutet."

Matthias Arndt, Galerist Berlin: "Der viel beschriebene ,Boom' oder ,Hype' der Gegenwartskunst ist genauso wie dessen nun vielfach diagnostiziertes Ende nicht unser Problem! Natürlich sind die Märkte breiter geworden, Asien, Indien und Russland sind neue Produktionsorte, aber auch (künftige) Absatzmärkte für westliche wie internationale Kunst. Relevante Kunst jedoch wächst nicht auf Bäumen! Und anspruchsvolle und zuweilen auch ,sperrigere' Positionen zu entdecken und zu verkaufen war nie einfach und geht nicht von selbst. Es geht um die Inhalte, darum, die beste Kunst zu zeigen und sein Publikum dauerhaft zu ,erziehen' und zu gewinnen. Die Fragen nach Boom und Spekulationsblasen überlasse ich gerne denen, die das Investment und die Spekulation im Kunstbereich suchen."

Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien: "Der Kunstboom ist nicht vorbei. Im Gegenteil: Die Bedeutung von Kunst als Gradmesser für zeitgenössische Lebensverhältnisse wird in den kommenden Jahren noch zunehmen. Was sich ändert, ist die Infrastruktur des Marktes und noch mehr des Kunstsystems. Europa und die USA sind nicht mehr die alleinigen Player.

China, Indien, Russland, der arabische und afrikanische Raum sind dazugekommen. Die Regeln des Spiels verändern sich.

Kunst kommt nicht mehr primär aus den G8-Staaten. Ländern mit niedrigem BIP (Afrika, Lateinamerika, Asien) sind nicht mehr Objekte ästhetischer Ausbeutung (Picassos Negerplastik), sondern brechen als Produzenten ästhetischer Haltung und Praxis die Kunstdominanz des Westens auf. ,Das Recht zu erzählen, ist mehr als nur ein sprachlicher Akt', hat der Kulturtheoretiker Homi Bhabha einmal geschrieben. Und das ist das wichtigste Resultat des Kunstbooms der letzten Jahre."

Holger Liebs, Kunstkritiker der "Süddeutschen Zeitung": "Die gebetsmühlenartig wiederholte These von der Blase des Kunstmarkts, die bald platzen werde, ist selbst eine Blase. Im Großen und Ganzen ist der Markt stabil. Man sollte im Übrigen ‚die großen Debatten' nicht mit dem Marktboom verwechseln - da geht es nicht um Diskurse, sondern um Geld. Und: Eine ‚Grand Tour'- Konstellation wie 2007 gibt es ohnehin nur alle zehn Jahre - und dennoch häufen sich auch dieses Jahr Ausstellungshöhepunkte von Grünewald bis Tillmans. Was bleiben wird? Möglicherweise nur eine geringe Prozentzahl heutiger mit Aplomb gegründeter Privatmuseen."

Katharina Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, Leitung Sotheby's Hamburg: "Man kann das Ende eines Kunstbooms auch herbeireden. Die in diesem Sommer bei Sotheby's in London durchgeführten Auktionen mit Kunst des Impressionismus, der Klas sischen Moderne und zeitgenössischen Kunst haben insgesamt einen Rekordumsatz von mehr als 251 Millionen Pfund erzielt, was einem Umsatzwachstum von 22 Prozent gegenüber den in der ersten Hälfte des Vorjahrs stattgefundenen Auktionen entspricht. Zudem wurde in der Abendauktion für Altmeistergemälde in London 93 Prozent des Auktionsangebotes nach Wert versteigert. Diese Zahlen sprechen doch für sich."

Axel Haubrok, Sammler Berlin: "Natürlich wird es eine Korrektur bei der Preisentwicklung auf dem Kunstmarkt geben. Es kann doch nicht immer nur nach oben gehen. Aber das grundsätzliche Interesse an zeitgenössischer Kunst bleibt auch in Zukunft hoch. Nur wird sich Spreu vom Weizen trennen.

Eine entsprechende qualitative Selektion ist aus meiner Sicht auch dringend erforderlich

Julia Stoschek, Sammlerin Düsseldorf: "Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der Kunstboom noch nicht vorbei ist, denn noch nie haben sich so viele Menschen mit der Kunst des Hier und Jetzt beschäftigt und so viel Interesse gezeigt! Allerdings würde ich mir eine größere inhaltliche Auseinandersetzung und eine Konzentration auf das Wesentliche wünschen."

Daniel Hug, Direktor der Art Cologne: "Etablierte Kunstmessen wie Art Basel und Art Cologne, die Kunst der Klassischen Moderne, Kunst nach 1945 und zeitgenössische Kunst anbieten, werden im Falle einer Beruhigung des Kunstmarkts bessere Überlebenschancen haben als Messen, die sich auf zeitgenössische Kunst spezialisieren. Man sollte nicht vergessen, dass gerade der Markt für zeitgenössische Kunst höchst volatil ist! Der gegenwärtige Kunstboom wird nicht über Nacht kollabieren; ich denke, das wird sich sehr selektiv vollziehen. Man kann sagen: große, beständige Kunstmessen werden auch nach einem Crash bleiben!"

Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn: "Ich rechne mit einer deutlichen Abkühlung des heißgelaufenen Markts in den nächsten zwei bis drei Jahren. Diese wird vor allem die spekulativen und hochgejazzten Positionen betreffen. Trotz unbestreitbarer hysterischer Auswüchse hat der Boom der letzten Jahre immerhin dafür gesorgt, dass mehr Menschen als je zuvor sich mit Gegenwartskunst beschäftigen. Das ist der hoffentlich nachhaltige Effekt des globalen Markthypes. Und den gilt es nun zu nutzen, um den Fokus wieder auf die künstlerischen Inhalte zu richten, anstatt sich an immer neuen Auktionsrekorden und Fantastillionen zu berauschen."

Bildunterschrift:

Selbstdarsteller unter sich: Jonathan Meese vor Damien-Hirst-Porträt von Sante D'Orazio

Barometer für Schwankungen am Markt: Messen - hier Art Basel, Installation von Roxy Paine

Noch erzielen Auktionshäuser Rekordergebnisse: Versteigerung eines Bacon-Gemäldes bei Sotheby's