Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 96

Gesellschaftsdamen unserer Zeit

Von Birgit Sonna

MÜNCHEN: FEMALE TROUBLE

Die Pinakothek der Moderne untersucht rollenkritische Inszenierungen des Weiblichen in Video und Fotografie, bekämpft alte Phobien und versucht, eingefleischte Muster noch einmal wiederzubeleben. Es ist seltsam still um die gerade eben noch in der Kunst gefeierten "Gender Studies" geworden. Überschlug man sich Mitte der neunziger Jahre mit Fotoausstellungen, die Judith Butlers Theorie von einer angeblich rein gesellschaftlichtlichen Konstruktion der Geschlechterrollen illustrierten, so will heute kaum eine jüngere Künstlerin mehr dem Aufruf zu Maskerade, Parodie, Übertreibung und Pervertierung der Klischeebilder nachkommen.

Nun erinnert die Foto- und Videoschau "Female Trouble" in der Münchner Pinakothek der Moderne an Butlers "Gender Trouble" von 1990. Entsprechend abgehangen wirkt die rund 150 Arbeiten umfassende Ausstellung in weiten Teilen. Zwar prunkt sie mit brillanten Leihgaben, kann aber naturgemäß den erstarrten Diskurs um die Aufspaltung in Mann-Frau-Typologien nicht wieder beleben. Als sei man in eine postfeministische Familienaufstellung geraten, werden hier zur exzessiven Bekämpfung alter Phobien eingefleischte Muster nochmals durchgearbeitet.

So lässt etwa Pipilotti Rist ihre romantisch blau gekleidete Stadtfee im Video "Ever is over all" von 1997 mit einer Phallusblume wieder und wieder Autofenster einschlagen. Sarah Lucas kastriert in der Pose des männlichen Feinschmeckers abwechselnd eine Banane und ein Würstchen.

In der Fotografie sieht man Cindy Sherman alle Stadien ihrer exzessiven Kostümierungstheatralik bis hin zu den jüngsten Clownerien durchspielen. Die Kamera wird zum manipulierbaren Ersatzspiegel der jahrhundertelang eingeübten Kontrollsucht von Frauen und travestiebegabten Künstlern wie Jürgen Klauke. An die Nieren gehen in der Münchner Ausstellung insbesondere die einsamen Selbstversuche der New Yorkerin Francesca Woodman: Eine flüchtige Schattengestalt, die in Abbruchhäusern das Zerbrechliche ihres nackten Körpers spiegelte und sich in letzter Konsequenz 1981 mit nur 22 Jahren das Leben nahm.

Die faszinierendste Einsicht in die gezielte Demontage weiblicher Rollenklischees liefert kurioserweise ein Kabinett mit Fotografien aus dem 19. Jahrhundert.

Lady Clementina Hawarden, zehnfache Mutter, studierte als Fotopionierin gemeinsam mit ihren Töchtern überspitzt elegische, dem Männerauge schmeichelnde Posen ein. Was für ein Zynismus für eine Gesellschaftsdame ihrer Zeit!

Termin: bis 26. Oktober. Katalog: Hatje Cantz Verlag 35 Euro. Internet: www.pinakothek.de

Bildunterschrift:

In einer Schau zur medialen Geschlechterinszenierung darf die Verwandlungskünstlerin Cindy Sherman natürlich nicht fehlen: Rechts ihr 421. fotografisches Rollenspiel, "Untitled #421" (2004)