Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 116

Die Story von Mariechens Maria

Von Joachim Hauschild

München: Streit um eine Riemenschneider-Madonna

Als dem Münchner Auktionshaus Neumeister im Sommer 2007 die Figur "Madonna mit Kind und Plinthe" zur Verstei gerung angeboten wurde, ergab ei ne Untersuchung des Holzes an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich: Sie stammt aus der Zeit zwischen 1450 und 1640 und war wohl eine eigenhändige Arbeit von Tilman Riemenschneider, so das Urteil des als Sachverständigen berufenen Skulpturenspezialisten Albrecht Miller.

Die 38 Zentimeter hohe Figur hatte eine abenteuerliche Geschichte hinter sich. Sie hatte dem Regensburger Antiquitätenhändler Josef Johann Ludwig gehört, der 2007 mit 102 Jahren starb. Der sollte sie seiner verehrten Pflegerin "Mariechen" L. neben ei ner Waschmaschine und einem Mercedes geschenkt haben mit der Maßgabe, sie erst nach seinem Tod zu verkaufen, L. habe dann "ausgesorgt". Später kam es zu Zwistigkeiten zwischen Ludwig und L., so dass der Arbeitsvertrag gekündigt wurde. Die Figur aber hatte Ludwig nie zurückgefordert, ja sich - wie Zeugen versichern - geweigert, die Polizei einzuschalten. Das besorgten nach dem Tod des Händlers die zehn Erben. Von alledem wusste Frau L. offenbar nichts, als sie nach Ludwigs Ableben die Figur verkaufen wollte. Inzwischen hatten die Ludwig-Erben den weiteren Teil der künstlerischen Hinterlassenschaft dem Stuttgarter Auktionshaus Nagel anvertraut, das ihn im Februar erfolgreich vermarktete. Doch das Fehlen der Madonna machte sich schmerzlich bemerkbar, vor allem als die Kriminalpolizei im Katalog der Neumeister-Auktion den Schätzpreis von 800 000 bis 1,2 Millionen Euro entdeckte. Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet. Kurz vor der Auktion einigten sich die Parteien, wie genau ist unbekannt.

Doch das gute Stück blieb liegen. Erst nach der Auktion bot ein Privatmann 600 000 Euro. Ob die Einlieferer die sem Preis zustimmen und wie sie gegebenenfalls das Geld teilen, ist ebenfalls unklar.

Neumeister-Chefin Katrin Stoll ist sich mit anderen Auktionsexperten ei nig: Die Figur ist für den Markt auf Jahre "verbrannt", sollte sie jetzt nicht verkauft werden. Nur jetzt hätte Mariechen dank Maria "ausgesorgt".

Bildunterschrift:

Streitobjekt: Riemenschneider- Madonna