Ausgabe: 09 / 2008
Seite: 115
Findlinge für die Meeresfauna
Von Kerstin Schweighfer
Architektur: Behnischs neues "Ozeaneum" in Stralsund
KERSTIN SCHWEIGHÖFERMit dem Prädikat "UNESCOWelterbe" ist es wie mit der großen Liebe: Erst sehnt man sich danach. Doch ist der Bund fürs Le ben dann tatsächlich geschlossen, muss die Beziehung ihre Alltagstauglichkeit beweisen. Wie schwer das ist, zeigt der Streit um die Dresdner Waldschlösschenbrücke, deren Bau die Stadt den Welterbetitel kosten wird.
Umso erstaunlicher ist das ungetrübte Liebesglück weiter nördlich in Stralsund: Der alten Hansestadt, die sich seit 2002 mit dem UNESCO-Prädikat schmücken darf, ist das Kunststück gelungen, mit dem Erweiterungsbau des Meeresmuseums den größten Museumsneubau der Bundesrepublik problemlos und ohne gro ße Proteste von Seiten des Welterbebeirats in die geschützte Altstadtfassade einzugliedern: Der Siegerentwurf für das "Ozeaneum", mit dem das Stuttgarter Büro Behnisch & Partner rund 400 Konkurrenten aus dem Feld geschlagen hatte, wurde sogar fast eins zu eins in die Tat umgesetzt. Und das an prominenter Stelle auf der nördlichen Hafeninsel: Wer Stralsund per Schiff oder über die neue Rügenbrücke erreicht, erblickt nun nicht mehr allein die altvertraute Altstadtsilhouette aus Kirchtürmen und Speicherhäusern:
Dazwischen blitzen die hellen, runden Stahlbleche des Ozeaneums auf.
Die Grundidee der Architekten für diesen Bau ist ebenso poetisch wie funktionell: Sie brachten die 39 bis zu 2,6 Millionen Liter Meerwasser fassenden Aquarien sowie die hohen Hallen, in denen lebensgroße Nachbildungen von Wa len präsentiert sowie Nutzung und Forschung der Meere vorgestellt werden, in vier amorphen Baukörpern unter, wie vom Wasser umspülte Steine auf der Hafeninsel.
Diese "Findlinge" sind rund 20 Meter hoch - nicht höher also als die umliegenden Speichergebäude.
Dadurch fügen sie sich trotz ihres Volumens - immerhin 8700 Quadratmeter Schau fläche - harmonisch in die historische Bausubstanz ein, wirken aber auch stark und selbstbewusst genug, um nicht in dieser urbanen Backsteinlandschaft unterzugehen.
Dafür sorgen die ungewöhnlich großen, runden Formen sowie das Material: Denn statt historisierend Backstein zu verwenden, entschieden sich die Architekten dafür, die Baukörper mit weiß lackierten Stahlblechen zu bekleiden:
Sie erinnern an im Wind geblähte Segel.
Untereinander verbunden sind die vier Baukörper durch Treppen und Rampen und ein gläsernes Foyer. 550 000 Besucher sollen hier jährlich durchgeschleust werden - und neue Impulse für die strukturschwache Region bringen.
Der Bund hat das 60 Millionen Euro teure Projekt zur Hälfte mitfinanziert - auch das eine Ausnahme. Für den Rest kamen Land und Stadt auf.
Die Rechnung dürfte wohl aufgehen:
Mit dem Oze aneum wird Stral sund auch für Architekturtouristen attraktiv sein und kann Deut schland nach spektaku lären Bauten wie der BMW-Welt in München von Coop Himmelb( l)au (art 12/2007) noch einmal be weisen, dass man für aufregende Architekur nicht in ferne Länder reisen muss
Internet: www.ozeaneum.de
Bildunterschrift:
Vier stählerne Findlinge: das neue Ozeaneum in Stralsund. Rechts: Halle "Riesen der Meere"
Stefan Behnisch, 51, hat mit seinen Kollegen David Cook und Martin Haas (Foto von links) vom Stuttgarter Büro Behnisch Architekten das Stralsunder Ozeaneum realisiert.
Die Pläne stammen von seinem Vater Günter Behnisch, 86. Der Sohn übernahm die Ausführung, nachdem der berühmte deutsche Baumeister, der das Münchner Olympiastadion (1972) oder das Plenargebäude des Bundestags in Bonn (1992) entworfen hat, in den Ruhestand gegangen war. Behnisch Architekten wurde 1989 als Zweigbüro von Behnisch & Partner gegründet, 1991 eigenständig und firmiert seit 2005 als Behnisch Architekten. Zu seinen wichtigsten Bauten zählen das Genzyme Centre in Cambridge, Massachusetts, und das Zentrum für Zell- und biomolekulare Forschung der Universität Toronto.
