Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 83
Brüderlichkeit am Heiligen See
Von Kito Nedo
Abschluss der sommerlichen Ausstellungstrilogie in der Villa Kellermann
POTSDAM: ROHKUNSTBAU - DREI FARBEN - ROT
Am Ende fallen Katastrophe und Happy-End in Krzysztof Kies´lowskis filmischem Meisterwerk "Drei Farben: Rot" (1994) zusammen: Eine Fähre sinkt, aber wie durch ein Wunder gehören die Hauptfiguren zu den wenigen Überlebenden. So ähnlich mussten der "Rohkunstbau"-Initiator Arvid Boellert und sein Kurator Mark Gisbourne empfunden haben, als sich Anfang des Jahres herausstellte, dass ihnen das sicher geglaubte Schloss Sacrow im Brandenburgischen in diesem Jahr nicht erneut als Austragungsort für ihre Sommerausstellung "Rohkunstbau" zur Verfügung stehen würde (art 4/2008).
Doch mit der Potsdamer Villa Kellermann am Heiligen See wurde in letzter Minute ein attraktives Ausweichquartier gefunden. Denn neben der Kunst auf Museumsniveau zählten Uferblick und Berlin- Nähe zu jenen Grundfaktoren, welche die Schau in den letzten 15 Jahren vom Geheimtipp zur heißgeliebten Sommerfrische des verwöhnten Berliner Kunstpublikums werden ließ. Für "Rot" - der letzten Ausgabe der seit 2006 an Kies´lowskis Filmzyklus angelehnten Ausstellungstrilogie - haben Boellert und Gisbourne nun erneut ein knappes Dutzend internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich in ihren Beiträgen sowohl auf den Ort wie auch auf das Thema "Brüderlichkeit" zu beziehen. Dazu gehört so Unterschiedliches wie die Collagen des Pop-Art-Veteranen Richard Hamilton, eine Installation des Post-Konzeptionalisten Jonathan Monk oder die Umnutzung eines Ikea-Möbelhauses zu einer Seifenoperkulisse durch den israelischen Videokünstler Guy Ben-Ner.
Die Gegend um den Heiligen See, die sich zum exklusiven Rückzugsort für die Reichen und Prominenten mauserte, bietet eine Reibungsfläche mit den alten Revolutionsidealen von "Freiheit" und "Gleichheit", den Themen der letzten beiden "Rohkunstbau"-Veranstaltungen, und jetzt eben "Brüderlichkeit". Solche Bindung zwischen Werk, Thema und Ort war in den beiden Vorjahren - so erklärten manche Kritiker - nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Dennoch wurde man für konzeptuelle Schwächen immer wieder mit so mancher unverhofften Kunstentdeckung in eindrucksvollen Ausstellungsräumen entschädigt.
Bildunterschrift:
Termin: bis 5. Oktober. Katalog: Verlag Hans Schiler, Berlin, 20 Euro. Internet: www.rohkunstbau.de Infotelefon: 030/48 62 08 00
Oben links: "Selbstporträt mit Rot" (1998, 39 x 39 cm) von Richard Hamilton. Mitte: Villa Kellermann. Rechts: "The Odd Couple (German Version)" von Jonathan Monk, 2008. Unten links: "Stealing beauty" (2007) von Guy Ben-Ner. Rechts: "Zwei Räume" (2008) von José Noguero
