Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 82
Surrealismus mit agitatorischer Wucht
Von Michael Kohler
Montagen des Dänen Marinus (Jacob Kjeldgaard) im Museum Ludwig
KÖLN: HITLER BLIND UND STALIN LAHM - POLITISCHE FOTOMONTAGEN
Kaum vermählt, hängt der Haussegen auch schon schief. Während sich der Bräutigam wichtigen Schreibarbeiten widmet, schmollt die abgewiesene Braut auf ihrer Seite des Ehebettes.
Im beschäftigten Gatten erkennt man sogleich Adolf Hitler, in der Gemahlin Marianne, die weibliche Symbolfigur der Französischen Revolution. Verheiratet wurden die beiden durch eine in der französischen Zeitschrift "Marianne" erschienene Fotomontage, die Hitlers Machtergreifung und die daraus resultierende Ab - kühlung in den Beziehungen beider Länder karikiert.
Bis ins Jahr 1940 hob die erstmals 1932 erschienene Wochenzeitung etwa 250 politische Fotomontagen auf die Titelseite, deren Schöpfer Marinus (bürgerlich Jacob Kjeldgaard, 1884 bis 1964) das schon damals weltberühmte Erbe des Dada- Monteurs John Heartfield mit eigenen Mitteln weiterführte. Wie dieser verband Marinus surrealistische Techniken mit agitatorischer Wucht, um die verborgene Wahrheit des politischen Weltgeschehens ans Licht zu bringen.
Stilistisch zeigte er dabei eine Vorliebe für die raffinierte Aneignung klassischer Bildmotive: Auf einer Fotomontage ist Hitler als Totenkopf zu sehen, auf einer anderen schultert er Stalin in antiker Heldenpose, und auf einer dritten ringt er mit der Schlange des Laokoon.
Nachdem das Werk des gebürtigen Dänen Marinus über Jahrzehnte verschollen und der Künstler selbst in Vergessenheit geraten war, sind sämtliche erhaltene Originale sowie das Gesamtwerk der "Marianne" nun zum ersten Mal in Deutschland zu sehen.
Als Bezugsgröße dienen ausgewählte Exponate von John Heartfield, mit denen das Museum Ludwig auch die Bedeutung von Marinus unterstreicht. Ganz so sensationell, wie die Kuratoren glauben machen wollen, ist ihre Ausstellung allerdings nicht - eine erste Verbindung zwischen Marinus und "Marianne" knüpfte das Fotomagazin "Zoom" bereits 1978, und letztes Jahr wurde der Künstler im Nordjyllands Kunstmuseum Aalborg ausführlich vorgestellt. Doch eine Entdeckung sind die Fotomontagen allemal.
Termin: 9. August bis 19. Oktober. Katalog: Steidl Verlag, zirka 40 Euro. Internet: www.museum-ludwig.de
Bildunterschrift:
Oben: Titel von "Marianne", Paris, 6. März 1940, mit Montage von Marinus. Rechts:
"Neues aus Berlin" (1940)
