Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 103

Relief hinterm Kabelschacht

Von Michael Kohler

Skandal: Wie in der Uni Siegen ein Kunstwerk entstellt wurde

Die Universität Siegen ist nicht in erster Linie ein Hort der Kunst: Ohne erkennbare Bedenken wurde hier eine Wandinstallation des Wittener Künstlers Günter Drebusch (1925 bis 1998) über die Jahre hinweg zur Bürotapete degradiert.

Für das Foyer im 1968 eröffneten Neubau der Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen hatte Drebusch die Reliefs "Labyrinthische Tektonik I und II" entworfen und dafür an beiden Stirnseiten des Raums über 1000 silbrige Alu miniumelemente auf zwei schwarz lackierte Holzwände geschraubt.

Noch zu Lebzeiten des Künstlers wurde der Eingangsbereich wegen Platzmangels zur Arbeitsfläche umgewidmet und aufgeteilt. Das beraubte die zweiteilige, je 350 mal 690 Zentimeter große Komposition ihres Spiegelbildeffekts, ließ sie aber ansonsten unangetastet. Davon kann mittlerweile keine Rede mehr sein.

Als der Künstlersohn Thomas Drebusch kürzlich das Werk seines Vaters dokumentieren wollte, fand er es in nachträglich eingebaute Büroräume gepfercht, von Möbeln verstellt. In Hüfthöhe fehlen etliche Reliefstücke, stattdessen verläuft hier ein dicker Kabelkanal für Steckdosen auf dem schwarzen Grund.

Besonders peinlich daran: Das Gebäude im Stadtteil Weidenau beherbergt heute ausgerechnet den Fachbereich für Architektur und Städtebau, von dem man eigentlich Verständnis für Kunst am Bau erwarten sollte. Thomas Drebusch unterstellt dem Lehrkörper eine "Augen zu und durch"-Mentalität, während Universitätssprecher Ullrich Georgi meint, "die Erinnerung an das Kunstwerk" sei "im Hause nach und nach verloren gegangen".

Nun soll die "Labyrinthische Tektonik I und II" eine Etage tiefer eine neue Heimat finden. Da dieser Raum aber enger ist, schätzt Georgi, dass sich das Werk dort nur "zu etwa 90 Prozent" rekonstruieren lässt.

Bildunterschrift:

Relief mit vorgebauter Spüle

Bildunterschrift:

Ein Kabelkanal zieht sich in Hüfthöhe über Drebuschs Wandinstallation