Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 102-103

"Sehnsuchtsziel Mittlerer Osten"

Von Ute Thon

Projekt: Michael Schindhelm entwirft Kultur-Masterplan für Dubai

Michael Schindhelm, 47, soll die Kultur im Golf-Emirat Dubai, Teil der Vereinigten Arabischen Emirate, nach vorn bringen. art-Redakteurin sprach mit dem in Eisenach geborenen ehemaligen Intendanten des Basler Theaters und gescheiterten Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, der sich seit kurzer Zeit im Auftrag der Regierung in Dubai als "Direktor für Kultur, Künste und Kulturerbe" engagiert. art: Was genau machen Sie eigentlich in Dubai?

Michael Schindhelm: Fangen wir mal mit dem Bereich "Kulturerbe" an. Die Geschichte von Dubai ist zwar kurz, aber nicht so kurz, dass es nicht auch eine lokale Kultur gäbe. Diese emiratische Kultur gilt es zu erhalten und zu unterstützen.

Allein der Schutz der arabischen Sprache ist in einer Umgebung, in der fast nur noch Englisch gesprochen wird und die Einheimischen nur 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, eine schwierige Herausforderung.

Die Regierung in Dubai holt sich einen Theaterintentanten aus Deutschland, damit ihre Landsleute wieder richtig Arabisch lernen?

Die emiratische Kultur zu fördern, ist ja nur ein Bestandteil meiner Aufgaben. Darüber hinaus geht es darum, für die 80 Prozent ausländischer Bevölkerung kulturelle Spielfelder zu finden. In Dubai haben sich in den letzten Jahren mehrere Großkulturen etabliert: die westliche, abend ländische Kultur, die arabische Kultur und die indische Kultur, zudem gibt es chinesische, afrikanische und südamerikanische Einflüsse. Nun geht es darum, einen Masterplan zu entwickeln, der kulturelle Infrastruktur ermöglicht. Wir reden darüber, welche Museen entstehen sollen und wie darstellende Kunst repräsentiert werden soll, wie ein Bibliothekennetz entstehen kann und wie man ein Environment schafft, das Künstler und Kulturschaffende anlockt.

Das klingt nach einer gewaltigen Aufgabe. Wie viele Mitstreiter haben Sie denn in Ihrer neuen Kulturbehörde?

Die Organisation, deren Direktor ich bin, ist erst vor drei Monaten ins Leben gerufen worden. Das Kernteam umfasst 20 Leute, wobei ich bislang noch der einzige mit einem internationalen kulturellen Background bin. Insgesamt haben wir etwa 40 Mitarbeiter.

Davon sind ungefähr Dreiviertel Emiratis .

Wie viel Entscheidungsgewalt haben Sie als Ausländer ?

Im Moment habe ich noch relativ wenig zu bestimmen, weil wir noch relativ wenig konkrete Projekte haben. Aber unser Ziel ist, bis zum Herbst der Regierung ein Gesamtpaket von Maßnahmen vorzustellen und entsprechende Budgets zu entwickeln.

Ein Projekt haben Sie schon vorgestellt: ein Universalmuseum, an dem sich die Kunstsammlungen Dresden, die Staatlichen Museen zu Berlin und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen beteiligen wollen. Soll dort vor allem westliche Kunst gezeigt werden?

Das Universalmuseum ist keineswegs gedacht als Ort, wo rein westliche Kulturprodukte gezeigt werden. Es soll auch kein bilateraler Austausch zwischen Deutschland und Dubai bleiben. Der Gedanke ist schon, mit vielen internationalen Museen zusammenzuarbeiten.

Im Nachbaremirat Abu Dhabi, nur etwa eine Autostunde entfernt, soll auf einer vorgelagerten Insel auch ein riesiger Museumskomplex entstehen. Braucht die Region wirklich so viele Museen?

Es gibt sicherlich einen Wettbewerb.

Und ich halte das erst mal für eine ganz gesunde Sache. Es ist doch schön, wenn sich Völker darum streiten, wer die größeren Museen baut, anstatt sich die Köpfe einzuschlagen wie andernorts in der arabischen Welt.

Trotzdem ist eine Art von Arbeitsteilung wünschenswert, damit wir nicht in einen blinden Wettbewerb verfallen. Das betrifft nicht nur Abu Dhabi, auch in Doha gibt es neue Aktivitäten, Schardscha hat bereits einen nicht unerheblichen Museumskomplex, in Maskat in Oman wird ein Opernhaus gebaut, Saudi-Arabien erwacht gerade - und dort ist ein riesiges Potenzial, auch an Geldmitteln.

In Dubai ist übrigens wesentlich weniger Geld vorhanden als in Abu Dhabi, deswegen werden wir hier von vornherein ganz andere Ansätze wählen.

Das klingt sehr nach kultureller Kleinstaaterei.

Das ist doch nicht das Schlechteste.

Italiens und Deutschlands Geschichte war lange vom Prinzip der Kleinstaaterei dominiert, und davon profitieren wir, zumindest was die kulturelle Entwicklung an geht, noch heute. Denn sie hat dazu beigetragen, dass wir ein weltweit einzigartiges Netz von Theatern und Museen haben. Die Arabischen Emirate hatten vor 37 Jahren bei ihrer Gründung gerade 180 000 Einwohner. In zwischen haben sie rund fünf Millionen. Dubai ist eine Stadt, die heute so groß ist wie Hamburg und ungefähr 2012 so groß sein wird wie Berlin. Wenn Sie einmal an schau en, wie viele Museen in Hamburg oder Berlin existieren, dann sind die zehn Museen, die wir jetzt hier in der Region planen, gar nicht so viele.

Was fasziniert viele Kulturschaffende eigentlich so am Mittleren Osten?

Es ist eine Art Sehnsuchtsziel, wo man das Gefühl hat, noch einmal neu anfangen zu können. Europa ist in gewisser Weise zu Ende entwickelt.

In unserer gewachsenen Hochkultur wird heute vor allen Dingen verwaltet und weniger gestaltet. Andererseits halte ich Europa nach wie vor für den kreativen Motor der Welt. Wir haben hier eine Überproduktion an Kreativität, die dem Mittleren Osten zu Gute kommen sollte. Deswegen ist es auch so wichtig, den eurasischen Zusammenhang wiederzuentdecken.

Das 21. Jahrhundert wird mit China, mit Indien und dem Mittleren Osten diesen Raum wieder stärker zusammenbringen.

Ausstellung: "Dubai Next", bis 14. September, Vitra-Design-Museum/ Campus, Weil am Rhein.

Internet: www.design-museum.de

Das komplette Schindhelm-Interview in: www.art-magazin.de/Schindhelm

Bildunterschrift:

Ab 2010 sollen auch deutsche Museen diese von Rem Koolhaas/OMA entworfene Ausstellungshalle (Modell) in Dubai bespielen

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Große Pläne:

Michael Schindhelm, Direktor für Kultur, Kulturerbe und die Künste im Golf-Emirat Dubai