Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 104

Rostocks heikles Erbe

Von Susanne Altmann

NS-Geschichte: Beschlagnahmte Kunst im Museumsinventar

Rostocks Kulturhistorisches Museum und die Kunsthalle zeigen derzeit 150 Werke der Moderne, die 1937 von den Nazis als "entartete Kunst" in deutschen Museen beschlagnahmt worden waren. Früher gehörten sie Häusern wie dem Frankfurter Städel- Museum oder der Städtischen Galerie Dresden. Von Rückgabe ist aber keine Rede, und die Rostocker Museumsdirektorin Heidrun Lorenzen sieht auch keine Notwendigkeit, entsprechende Schritte einzuleiten. "Diese Werke haben rechtlich und moralisch einen anderen Status als etwa Raubkunst aus Privatbesitz. Daran ist nicht zu rütteln", erklärt sie. "Außerdem hat sich unser Haus durch jahrzehntelange Bewahrung für diesen Besitz qualifiziert." Das Konvolut aus rund 600 Stücken, darunter Gemälde, Skulpturen und vor allem Grafiken von Oskar Kokoschka, Wilhelm Lehmbruck und den "Brücke"-Künstlern, lagert seit 1947 im Rostocker Museumsdepot. Es stammt aus dem Nachlass des Güstrower Künst lers und Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer, der im Auftrag der Nazis den Verkauf dieser in Museen konfiszierten Kunst abwickelte. Allerdings behielt Böhmer viele Arbeiten zurück - ob er Skrupel hatte oder die Werke unverkäuflich waren, ist unklar. 1945 beging der Kunsthändler Selbstmord, und die Arbeiten gingen Jahre später - nachdem es einige Rückgaben an DDR-Museen gegeben hatte - als "Volkseigentum" in das Inventar des Rostocker Muse ums über. Diese Regelung wurde auch im Einigungsvertrag 1990 bestätigt.

Erst eine 1997 gefundene Liste machte es überhaupt möglich, die Stücke aus dem Böhmer-Nachlass zu identifizieren. Doch daran bestand zunächst gar kein Interesse.

Erst 2000, mit dem Amtsantritt von Heidrun Lorenzen, beschäftigte man sich im Haus mit dem heiklen Erbe. Etwas später beschloss die Berliner "Forschungs stelle für Entartete Kunst", den Böhmer-Nachlass aufzuarbeiten.

In Kürze soll eine Datenbank mit sämtlichen Provenienzangaben dieses Bestands ins Internet gestellt werden.

Späte Rückforderungen der einst gefledderten Museen erwartet die Museumschefin Lorenzen nicht. Meike Hoffmann von der "Forschungsstelle für Entartete Kunst" aber könnte sich durchaus Restitutionen vorstellen und meint: "Der richtige Weg wäre, dass sich die betroffenen Museumsleiter an einen Tisch setzen." Einer davon ist Gisbert Porstmann, Leiter der Städtischen Galerie Dresden. Er lobt die Rostocker Ausstellung und spricht von einem "einmaligen Sonderfall", hofft aber, "noch mal ins Gespräch zu kommen".

Termin: bis 7. September, "Meisterwerke der Moderne. Aus den Beständen der 1937 von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunst"

Bildunterschrift:

Nazi-Kunsthändler Bernhard A.

Böhmer - Teile seines Nachlasses zeigt nun Rostocks Kulturhistorisches Museum (links)