Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 92-93
DDR, RAF und der deutsche Wald
Von Adrienne Braun
KARLSRUHE: VERTRAUTES TERRAIN
Das ZKM zeigt Gegenwartskunst "in und über" Deutschland, wagt sich aber kaum in abseitige Gefilde vor. Früher war der Mensch Jäger und Sammler.
Heute scheint er vor allem zu sammeln.
"Aktuelle Kunst in & über Deutschland" wird derzeit im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe gezeigt. Und was tun die Künstler da?
Sie sammeln. Peter Piller hat bei seiner "Peripheriewanderung Bonn" (2006)
Eindrücke in Form von Fotografien und Zeichnungen zusammengetragen. Und Wolf Pehlke hat Schlagzeilen zu einem "Bild RAF" (2007) aneinander montiert:
Es versammelt die zahllosen Sensationstitel, mit denen die "Bild"-Zeitung in den siebziger Jahren der "Baader-Meinhof- Bande" zu Popularität und sich selbst zu besten Verkaufszahlen verhalf.
Gregor Jansen und Thomas Thiel, die die Ausstellung "Vertrautes Terrain" verantworten, haben rund 70 deutsche und internationale Künstler ausgewählt, die Bezug nehmen auf deutsche Kultur, Geschichte und Orte. Deutsche Politik und Geschichte wird dabei weitestgehend auf Nationalsozialismus, DDR und RAF beschränkt. So zeigt etwa Ann Böttcher in "Umgang mit Mutter Grün" anhand historischer Dokumente, dass der deutsche Wald von den Nationalsozialisten nicht nur zu ideologischen, sondern auch zu militärischen Zwecken missbraucht wurde. Und Helen Mirra erinnert in einem eher kraftlosen Beitrag daran, dass sich ihr Atelier am Rande des Berliner Grunewaldes in unmittelbarer Nähe zu dem Ort befand, an dem auch Arno Breker seinerzeit gearbeitet hatte: Die amerikanische Künstlerin hat mit Verweis auf Geschichte und Wald Transportpaletten grün-grau angemalt.
Wie ein roter Faden zieht sich darüber hinaus der archivarische Geist durch die Schau. Ecke Bonk hängt eine Fülle von Deckblättern des Grimm'schen Wörterbuchs an die Wand. In einem zweiten Teil werden aus insgesamt 299 268 Wörterbucheinträgen einzelne Artikel per Zufallsprinzip projiziert.
Man erhält die düstere Vorahnung, dass die Welt in Informationen ertrinken könnte, woran auch die Digitalisierung kaum etwas ändern wird.
So trifft man im ZKM insgesamt weniger auf pointierte Aussagen oder eigenständige Thesen, als vielmehr auf eine Fülle gesammelter Bilder und Eindrücke.
Beispielsweise auch in dem mehr als zweistündigen Video "Kanu" von Andrée Korpys, Markus Löffler und Achim Bertenburg: Die Künstler haben hier eine Kanufahrt von Berlin nach Bremen unternommen, bei der die Kamera in einer Einstellung vom Wasser aufs Ufer und in einer zweiten vom Ufer aufs Wasser blickt.
Und nicht nur die Künstler, auch die beiden Kuratoren haben viel zusammengetragen.
Wolfgang Tillmans' "Deutschlandreise", eine 2001 im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichte Fotoserie, wurde aus dem Archiv hervorgeholt. Und auch der gemeinsam mit dem Künstler Heiner Blum eingerichtete "Resonanzraum" im Herzen der Ausstellung - eine Veranstaltungsplattform mit Audio- und Bibliothek - ist Archiv durch und durch.
Prägnante, erfrischende oder abseitige Blicke auf das "vertraute Terrain" sind hier selten. Eine Ausnahme stellt Via Lewandowskys "Brutkasten" dar, der so geistreich wie spielerisch auf die aktuelle Gegenwart Bezug nimmt: Der Berliner Künstler hat eine Schwarzwälder Kuckucksuhr aufgehängt, aus der der Gesang eines Muezzins erschallt.
Termin: bis 21. September. Kurzführer: 4 Euro.
Der Katalog erscheint im Herbst im Gestalten Verlag.
Internet: www.zkm.de
Bildunterschrift:
Kunst über Deutschland - von Skafte Kuhn, Anselm Reyle und Friedrich Kunath
Jonathan Monks "Medium Cannon (German)" von 2008
