Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 77
Kleinkarierte Politik und großes Geld
Von Thomas Wagner
Der Verkauf der Sammlung Lauffs ist ein Lehrstück für Kulturpolitiker, meint . Sie müssen endlich begreifen, dass Kunst eine wichtige Investition in die Zukunft ist
Der Preis ist das Schlachtross des Kapitalismus mit einem Fürsten des Marktes im Sattel, dem Kunst und Sammler mit glänzenden Augen hinterherlaufen wie eine Schar von Kindern einem Supersportwagen.
Verschämt abseits steht derweil eine kleine Gruppe ausgemergelter Gestalten, die sich sorgenvoll die müden Augen reiben: Es sind Museumsdirektoren. Sie bewahren nicht selten Erbschaften auf, die ihnen nicht gehören und die sie längst nicht mehr bezahlen könnten.
Ein Lehrstück aus der jüngsten Zeit gefällig? Nehmen wir die Sammlung Lauffs in Krefeld.
40 Jahre wurde die stetig wachsende Sammlung Lauffs im Kaiser-Wilhelm-Museum gezeigt. Im Jahr 1968 hatte sich das Fabrikantenehepaar Helga und Walther Lauffs an den damaligen Direktor des Hauses, Paul Wember, gewandt und ihm das Angebot unterbreitet, er solle ihnen beim Aufbau einer Kollektion zeitgenössischer Kunst beratend zur Seite stehen. Im Gegenzug sollten die Werke umgehend ins Museum kommen, um dort mindestens zehn Jahre zu verbleiben. So wurde Krefeld nicht nur zu einem Ort, an dem man gewichtige Werke der Kunst der sechziger und siebziger Jahre - von Pop bis Minimal und Concept Art, von den Nouveaux Réalistes bis zur Arte Povera - sehen konnte. Mehr noch: Das Haus wurde mit den Werken von Yves Klein, Andy Warhol, Frank Stella, Donald Judd und Bruce Nauman identifiziert. Doch die Internationalität war nur geliehen. Nun sind die Werke weg - bis auf ein Ensemble von Beuys-Skulpturen, das aufgrund eines Sonderdeals mit dem Land Nordrhein- Westfalen im Museum bleibt.
Kunstsammler sind selten Mäzene. Sie verhalten sich heutzutage nicht nur als Kunstfreunde, sondern auch als Unternehmer, die ihre Sammlung bewirtschaften, deren Wert steigern und Steuern sparen wollen, indem sie ihre Schätze temporär in die Obhut staatlich finanzierter Museen geben. Vollends ihre Erben sind oft nur an der gewinnbringenden Rückverwandlung von Kunst in Geld interessiert. Es ist wohlfeil, das immer wieder zu kritisieren.
Damit hat, wer ein Museum führt, schlichtweg zu rechnen, wenn er versucht, die Attraktivität seines Hauses durch private Leihgaben zu steigern. Auch sollte sich, wer auf den Schultern privater Sammler über den Tellerrand der eigenen Möglichkeiten hinausblickt, bewusst sein, dass jeder Besucher Werke, die im Rahmen der permanenten Sammlung gezeigt werden, unweigerlich für Museumsbesitz hält, und das umso mehr, je länger die Werke im Haus verbleiben.
Paul Wember, einer der progressivsten Museumsmänner der Nachkriegszeit und Direktor des Krefelder Museums von 1947 bis 1976, beschreibt die Situation nach dem Umbau des Hauses Ende der sechziger Jahre: "Der Ankaufsetat des Kaiser-Wilhelm-Museums war immer sehr niedrig; er ist auch jetzt zu gering, wenn wir überhaupt über die Gegenwartsströmungen in etwa informieren und zum anderen die historischen Abteilungen komplettieren wollen. Früher machten wir aus der Not eine Tugend und versuchten, mit geringen Mitteln zu niedrigen Preisen zu kaufen. Durch den Aufbau der ,Sammlung Lauffs' bemerkte man zum Zeitpunkt der Wiedereröffnung den genannten städtischen Mangel kaum noch." Das Verhältnis von Lauffs und Wember war eine Sache des Vertrauens: "Feste vertragliche Verabredungen waren zwischen uns beiden nicht erforderlich", stellte Wember fest. Trotzdem blieb es bei Leihgaben - auch unter seinen Nachfolgern. Auch die Mangelwirtschaft der Kommune blieb. Heute wird der Wert der viele hundert Werke zählenden Sammlung Lauffs, die inzwischen in alle Winde verstreut ist, auf eine Summe geschätzt, die zwischen 300 und 600 Millionen Euro schwankt. Kaum auszudenken, was eine ausnahmsweise einmal nicht kleinkarierte Kulturpolitik hätte erreichen können, hätte sie, statt der private Sammler, die Kompetenz eines Paul Wember zum Aufbau einer entsprechenden Sammlung in öffentlichem Besitz genutzt. Dies würde - heute wie damals, in Krefeld, Frankfurt oder Berlin - freilich die Einsicht voraussetzen, dass Werke in Museen kein totes Kapital sind, sondern Investitionen in die Zukunft. Weil sie als einzige dem Markt entzogen sind, stellen sie sogar den höchsten Wert dar, den etwas innerhalb des kapitalistischen Systems erlangen kann: den, nicht käuflich zu sein.
Bildunterschrift:
Kunstsammler sind selten Mäzene. Sie verhalten sich wie Unternehmer, die Steuern sparen, indem sie ihre Schätze in die Obhut staatlicher Museen geben
