Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 78-80

Malen in der dritten Dimension

Von Adrienne Braun

Im 20. Jahrhundert war eine überkommene Ordnung durcheinander geraten: Große kreative Geister der Malerei nutzten ihre Erfahrung nun auch für die Bildhauerei - eine Ausstellung im Museum Frieder Burda

BADEN-BADEN: DIE SKULPTUREN DER MALER

Der beste Kommentar, den ein Maler zu seiner Malerei abgeben könne, hat Pablo Picasso einmal gesagt, sei eine Skulptur. Das hat sich Jean-Louis Prat zu Herzen genommen und für das Museum Frieder Burda in Baden-Baden die Ausstellung "Die Skulpturen der Maler - Malerei und Plastik im Dialog" konzipiert.

Das 20. Jahrhundert markiert eine wichtige Schnittstelle, meint der französische Kurator. Denn in früheren Jahrhunderten habe man in den meisten Fällen noch klar zwischen Malern und Bildhauern unterschieden. Im 20. Jahrhundert gerate "diese festgesetzte Ordnung" dagegen durcheinander.

"Große kreative Geister, die von Haus aus eigentlich Maler sind", sagt Jean-Louis Prat, würden nun auch "ihre bildhauerische Erfahrung" nutzen. Die Entdeckung des Räumlichen bringe sie dazu, "sich vor übergehend von der Farbe und von der Zweidimensionalität der Leinwand zu verabschieden".

Rund 140 Werke sind nun in Baden- Baden zu sehen, angefangen bei Künstlern wie Honoré Daumier bis zu Markus Lüpertz. Von den insgesamt 21 bedeuten den Künstlern werden jeweils Malerei und Skulpturen gezeigt, die miteinander in einen Dialog treten sollen. "Dabei wird sinnfällig, wie sich das gegenseitig befruchtet", sagt Frank Schmidt, Kurator am Museum Frieder Burda. Honoré Daumier ist bekannt für seine bissigen Zeichnungen und Karikaturen. Er hat aber auch kleine karikaturistische Köpfe von französischen Parlamentariern geformt und in Bronze gegossen. Das ist ungewöhnlich, denn Karikaturen gehören eigentlich in das flüchtige Medium Zeitung, während Bronze "für die Ewigkeit gedacht ist", sagt Schmidt.

Durch die Gegenüberstellungen soll deutlich werden, welche Fragen den jeweiligen Künstler beschäftigen. Willem de Kooning ging es darum, die abstrakte Malerei in die Skulptur zu übersetzen.

Aus einem groben Tonklumpen hat er hierzu mit der Hand eine Figur geformt, die dann in Bronze gegossen wurde und durch die unregelmäßige Gestaltung abstrakt erscheint. Max Beckmann ging es dagegen um die Figur im Raum: In seinen Gemälden sei der Raum immer gegenständlich gewesen, damit die Figur verortet werden kann, sagt Schmidt. In den Skulpturen habe er versucht, die Räumlichkeit der Malerei zu übersetzen.

Auch wenn beim Impressionisten Edgar Degas einem Ballettgemälde seine "Vier zehnjährige Tänzerin" (um 1880) gegenübergestellt wird, sodass man den Eindruck hat, als sei das Mädchen aus dem Bild gestiegen und wäre lebendig geworden, so geht es in der Ausstellung nicht darum, gleiche Motive zu finden, sagt Schmidt. Aber auch wenn nicht konkrete Motive konfrontiert werden, sei die Schau eine Herausforderung für das Haus. "Es war schwierig, diese Werke zu bekommen", sagt Schmidt. Mehr als 30 Leihgeber aus aller Welt musste er überzeugen.

Obwohl es fast nahe liegend erscheint, Malerei und Bildhauerwerke eines Künstlers gegenüberzustellen, habe es solch eine Präsentation bisher noch nicht gegeben, meint er. "Ich habe zumindest so etwas noch nie gesehen."

Termin: bis 26. Oktober. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 29 Euro. Internet: www.museum-frieder-burda.de

Bildunterschrift:

Pablo Picasso: "Büste eines Mannes" (1969, 130 x 97 cm), "Kind" (1960, Höhe 119 cm)

Max Beckmann: "Mann im Dunkeln" (1934, Höhe 58 cm), "Akademie II" (1944, 80 x 64 cm)

Marc Chagall: "Die Kunstreiterin" (1955, 105 x 75 cm), "Zwei Nackte" (1951, Höhe 53 cm)

Joan Miró: "Frau" (1981/83, Höhe 210 cm), "Frau unter der Sonne I" (1974, 259 x 194 cm)

Georg Baselitz: "Sieben mal Paula" (1987/88, 195 x 172 cm), "Dresdner Frauen-Giebel" (1990)

Henri Matisse: "Jeanette IV" (1911, Höhe 61 cm), "Großer liegender Akt" (1909, 115 x 89 cm)