Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 84-85
Im Bann des schwarzen Mannes
Von Kerstin Schweighfer
Eine Ausstellung in der Nieuwe Kerk vom Mittelalter bis zur Gegenwart
AMSTERDAM: BLACK IS BEAUTIFUL
KERSTIN SCHWEIGHÖFERSchuld an allem war Besuch aus dem fernen Surinam: Die Amsterdamer Kunsthistorikerin und Kuratorin Esther Schreuder zeigte dieser Freundin aus der ehemaligen niederländischen Kolonie auch das Reichsmuseum - und die sah sich dort vor allem jene Gemälde an, auf denen farbige Menschen wie sie abgebildet waren. "Ich selbst hatte darauf nie geachtet", erzählt Schreuder. Wie oft, so fragte sie sich nach diesem Besuch 2001, "treten in der europäischen Kunstgeschichte eigentlich farbige Menschen auf - und in welcher Form?" Die Antwort gibt sie sieben Jahre später mit der Ausstellung "Black is Beautiful" in der Amsterdamer Nieuwe Kerk:
Anhand von 135 Gemälden, Zeichnungen und Manuskripten wird erstmals in allen Facetten nachvollzogen, wie Künstler dunkelhäutige Menschen zur Darstellung brachten - angefangen bei mittelalterlichen Miniaturen bis hin zu zeitgenössischen Werken von Marlene Dumas. Die Ausstellung musste auf niederländische Künstler begrenzt werden, denn was Schreuder beim Durchforsten von Bibliotheken und Museumsbeständen entdeckte, übertraf ihre kühnsten Erwartungen.
Viele Museen sagten zunächst: "Zwei oder drei Werke mit Farbigen werden wir schon haben!" Doch oft waren es mehr als 100: "Allein Rembrandt hat 23 Mal schwarze Menschen gemalt!" Schreuders Auswahl räumt mit dem Vorurteil auf, dass Farbige immer demütig als Diener abgebildet wurden: "Unser Bild ist durch den Sklavenhandel verzerrt." Erstens gab es auch weiße Sklaven, das war völlig normal; zweitens ist der schwarze Sklave nur einer von vielen Aspekten: Der schwarze König etwa war sehr beliebt, wie Rubens mit seiner "Anbetung der Könige" aus dem Prado beweist. Europäische Kaiser und Könige, darunter Karl V. und Friedrich II., stellten sich unter den Schutz von Mauritius, einem schwarzen Heiligen. Es gibt sogar schwarze Cupidos, Liebesgöttinnen und Sibyllen wie die Ende 1630 entstandene "Sibylle Agrippina" von Jan van den Hoe cke. Was sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte zieht: Der schwarze Mann ist immer stark - egal, ob er als Held dargestellt wird oder als Feind. Zur Bedrohung wurde er nach der Eroberung Andalusiens durch die Mauren: Zu den ersten Darstellungen von Farbigen in der niederländischen Kunst zählt eine Miniatur aus der Weltchronik von Jacob van Maerlant, der um 1300 die Kämpfe zwischen Christen und schwarzen Mauren festgehalten hat. In der Romantik wurde der schwarze Männerkörper verherrlicht.
Als der Orientalismus von Paris aus Europa zu erobern begann, wurde das Motiv der schwarzen Tänzerin sehr beliebt.
Und zwischen den Weltkriegen sorgte der unglaubliche Erfolg der Jazzmusik dafür, dass in Paris, London und Berlin ein regelrechtes "schwarzes Fieber" ausbrach.
Termin: 26. Juli bis 26. Oktober. Katalog: 37,95 Euro, Paperback 29,95 Euro, englisch/niederländisch.
Internet: www.nieuwekerk.nl/
Bildunterschrift:
Jan van den Hoecke: "Sibylle Agrippina" (1630, 107 x 80 cm)
Isaak Israëls: Porträt des Boxers "Battling Siki" (1914/15, 124 x 98 cm)
