Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 86
Buckys gesammeltes Weltwissen
Von Mirja Rosenau
Das Whitney würdigt den amerikanischen Querdenker, Erfinder und Designer
NEW YORK: R. BUCKMINSTER FULLER
Die Altersweisheit Richard Buckminster Fullers dürfte Ökopessimisten froh gestimmt haben. Der Forscher, Erfinder und Designer (1895 bis 1983) kam gegen Ende seines Lebens in einem für Kinder verfassten Büchlein zu dem Schluss, das Universum hielte langfristig ausreichend Lebensressourcen für alle Menschen bereit - man müsse sie bloß zu nutzen wissen. "Aus weniger mehr machen" lautete Fullers eigenes Nutzungskonzept.
Und er propagierte preisgünstige Produkte für den Hausgebrauch, die bei minimalem Energie- und Materialaufwand größtmögliche Leistung erzielen sollten: vom Minibus in spritsparender Stromlinienform über das massenproduktionstaugliche Einbaubadezimmer bis zum leicht transportablen Fertighaus, das zylinderförmig von einem Versorgungsmast herabhängen sollte.
Seine Designlösungen für die Zukunft pries der Visionär unter dem Kunstnamen "Dymaxion" an. Auch eine ausgeklügelte "Dymaxion-Weltkarte" und sehr effizienten "Dymaxion-Schlaf" (nicht mehr als zwei Stunden pro Nacht) hatte er im Programm. Außerdem legte er ein über 200 000 Seiten starkes "Dymaxion Chronofile" an, in dem er im Viertelstundentakt jedes Detail seines Tagesablaufs akribisch notierte.
Berühmt machten Fuller seine "Geodesic Domes" (ab 1949), zwar leicht gebaute, dabei aber sehr stabile Kuppeln, mit denen er ganze Städte über dachen und die Antarktis besiedeln wollte (Zeppeline sollten sie hintransportieren und kleine Bomben abwerfen, wo immer man ein Grundstück zu ebnen gedachte). Aufgrund von Unfällen, Pleiten und Planungspannen kamen die meisten der Fuller'schen Innovationen über den Prototyp nicht hinaus. Ihrem Erfinder, der gleich zweimal von der Universität geflogen war, brachten sie dennoch mehrere Ehrendoktortitel und ganze 28 US-Patente ein. Die Kuppelhäuser kamen bei Hippies und beim Militär gut an, seine dem Menschheitswohl verschriebene Innovationsethik bescherte dem Querdenker, der sich jahrelang nur von Backpflaumen, Tee, Steak und Wackelpudding ernährt haben soll, eine leidenschaftliche Fangemeinde.
Ob R. Buckminster Fuller, von Freunden und Fans auch "Bucky" genannt, ein Genie oder letztlich doch vor allem ein Spinner war, kann nun im New Yorker Whitney Museum überprüft werden. In der bislang größten Fuller-Retrospektive wird neben Skizzen, Schriften, Kuppelmodellen und dem letzten noch existierenden "Dymaxion-Auto" auch Fullers Kinderbuch "Tetrascroll" gezeigt, in dem er sein gesammeltes Weltwissen höchst effizient zusammenfasste.
Bildunterschrift:
Termin: bis 21. September. Katalog: Yale University Press, 50 Dollar. Internet: www.whitney.org
Fullers Opus Magnum, der US-Pavillon bei der Weltausstellung 1967 in Montreal: eine "geodätische Kuppel" mit transparenter Außenhülle
Einblicke in das Fuller-Universum gibt diese Ehren-Briefmarke von 2004
