Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 106

Die Geister, die er rief

Von Barbara Hein

Immendorff: Eine Ausstellung könnte seinem Ruf schaden

Als Jörg Immendorff wenige Jahre vor seinem Tod 2007 wegen der Nervenkrankheit ALS seine Hände nicht mehr bewegen konnte, begann er, seine Werke von Assistenten malen und per Stempel oder Schablone signieren zu lassen. Das hat postum zu einer Debatte über die Echtheit dieser Arbeiten geführt, die Immendorffs Ruf als seriöser Künstler gefährden könnte. Bisher ging es dabei um Gemälde, es könnte aber auch das grafische Werk betroffen sein.

"Das CCH - Congress Center Hamburg - präsentiert vom 11.

Juli bis zum 10. August die größte und wohl einzigartige Immendorff- Ausstellung überhaupt", lautet der erste Satz der Broschüre zu "Jörg Immendorff. Sein grafisches Lebenswerk und Skulpturen".

"Einzigartig" ist die Personalunion von Initiator, Kurator und Hauptleihgeber: Dirk Geuer, ein 39-jähriger Sammler und Galerist aus Grevenbroich. Er verlegt auch das Verzeichnis von Immendorffs grafischen Werken, das nicht wenige Blätter in Hunderterauflage anführt.

Hamburg ist nach Aachen und Mainz die dritte Station der Schau, die noch zu Immendorffs Lebzeiten begonnen hat, laut Geuer in enger Absprache mit dem Künstler.

Zu sehen sind rund 340 Grafiken, 250 Stempel und 20 Skulpturen - auch externe Leihgaben, vor allem aber Stücke aus Geuers eigener großer Sammlung, zu deren genauem Umfang und Zustandekommen er nichts sagen mag. Auf die Frage, warum er im Congress Center ausstelle, antwortet er, alle Museen, die er angesprochen habe, hätten ihn abgewiesen, weil Grafiken beim Publikum nicht zögen. Die Namen der betreffenden Häuser nennt er nicht. Im CCH, das sonst Medizinkongresse, Schlagerkonzerte und Comedyshows veranstaltet, habe er wunderbare Konditionen gefunden. Die erläutert der CCH-Prokurist Edgar Hirt:

"Wir stellen Herrn Geuer die Räume zur Verfügung, weil im Juli und August eh Saure-Gurken-Zeit ist. Es ist nur wichtig, dass am Ende die schwarze Null unterm Strich steht. Wir kassieren den Ein tritt, Geuer macht den Shop." Der nennt das im Flyer eine "Galerie auf Zeit", in der "ausgewählte Grafiken und Skulpturen zu erwerben" seien.

Laut Michael Werner, Immendorffs langjährigem Kölner Galeristen, waren "in den letzten Jahren Unübersichtlichkeiten bei der Herstellung von Druckgrafiken im Atelier gang und gäbe". Robert Fleck, der Leiter der Deichtor hallen Hamburg, empfiehlt darum, Immendorffs Werk wissenschaftlich aufzuarbeiten. Das würde zwar ein bis zwei Jahre dauern, wäre aber kunsthistorisch am sinnvollsten: "Alles andere halte ich für Irreführung auf Kosten des Künstlers. Wenn wir Museumsleute jetzt nicht aufpassen, passiert mit Immendorff das Gleiche wie mit Hundertwasser oder Dalí: Sein Ruf wird ruiniert."

Bildunterschrift:

Immendorff im Ausverkauf:

Plakate vor der Messe in Hamburg

Aus der Schablone: Signatur