Ausgabe: 08 / 2008
Seite: 105

Die Schnörkel-Verlustangst

Von Elke Buhr

Stildiskussion: Neugestaltung der Berliner Linden-Oper

Der Gelsenkirchener Barock hat Konkurrenz bekommen: durch den Berliner Barock. In der Liebe zu dem verbindet sich Westberliner Geldbürgertum mit alten Ost-Eliten. Während Bundestags- Vizepräsident Wolfgang Thierse unermüdlich das Berliner Schloss herbeiredet, lässt Fernsehmoderator Günther Jauch in Potsdam schon mal auf eigene Kosten ein Portal für das dortige Stadtschloss meißeln. In der Ablehnung des modernen Chipperfield-Entwurfes für die Museumsinsel sind sich die prominenten Nörgler einschließlich Lea Rosh dann fast alle einig. Statt dessen fordern sie Schnörkel aller Art und Fassaden mit Adlern, dicken Göttinnen und gekrönten Kaiserhäuptern, egal, ob echt, alt oder gerade neu erfunden.

So auch bei der Diskussion um die Neugestaltung der Staatsoper Unter den Linden. Für die dringend nötige Sanierung des Zuschauerraums empfiehlt die Fachjury den modernistisch-eleganten Entwurf des Berliner Architekten Klaus Roth - und Wolfgang Thierse wird umgehend von Schnörkel-Verlustangst gepackt.

Der jetzige Zuschauerraum sei eine "Schöpfung von historischem Rang", die nicht vernichtet werden dürfe, heißt es in seinem Appell an Bürgermeister Klaus Wowereit. Mitunterstützer: Altmoderator Alfred Biolek, Ex-Politiker Lothar de Maizière, Schriftstellerin Monika Maron, dazu noch einige andere mehr oder weniger bekannte Berliner und Wahlberliner.

Dass der jetzige Zuschauerraum in dem Knobelsdorff-Bau von 1742 weder original Barock noch Rokoko, sondern lupenreiner DDR-Historismus aus den fünfziger Jahren ist, ficht die selbst ernannten Retter des Kulturerbes nicht an. Gute Sicht und Akustik auch auf den billigen Plätzen?

Das brauchen weder Herr Thierse noch Herr Biolek, denn sie sitzen immer gut. Und außerdem - wer geht schon wegen der Musik in die Oper? Wichtiger sind doch ohnehin die Pausen im schönen Ambiente, wo man wieder netz werken kann zwecks Rettung des Ornaments in der deutschen Hauptstadt.

Bildunterschrift:

Verfechter des "Berliner Barock": Lea Rosh, Alfred Biolek, Wolfang Thierse, Monika Maron, Günther Jauch (von links)